17. März 2005 Der süße Duft des Großkapitals ist auch für Klaus Wagenbach einmal in seinem Leben aufgestiegen: aus einer Wiese seines Vaters im Obertaunus. Die durfte der gerade bei S. Fischer entlassene Lektor 1964 für 100000 Mark verkaufen - damals eine hübsche Summe, womit er seinen eigenen Verlag gründen konnte. Deshalb gilt Wagenbach als Gründervater des unabhängigen Verlagswesens, und also gehört er auf einer Podiumsdiskussion namens "Gründerzeit" über junge Verlage quasi zum Stammkapital. Zumal sich seit vierzig Jahren offenbar nichts an den ökonomischen Bedingungen für Verlagsgründungen geändert hat. Denn auch die erst seit wenigen Jahren oder gar Monaten aktiven Verleger Daniela Seel (Kookbooks), Michael Zöllner (Tropen) und Heinrich von Berenberg (Berenberg) nannten mit schöner Monotonie die magische Zahl von umgerechnet 100000 Mark, für die sie alle ihre Unternehmen auf den Weg gebracht haben. Nur Thierry Chervel wollte nicht recht mit der Sprache heraus über die Anlaufkosten seiner Internet-Feuilletonschau "Perlentaucher", aber mit den ihm kürzlich zugesagten 1,4 Millionen Euro der Bundeskulturstiftung für das englischsprachige Angebot des "Perlentauchers" war er zweifellos der Krösus auf dem Podium - auch wenn er kokettierte, von Geld nichts zu verstehen. Wagenbach konnte immerhin noch die simple Buchführung gemäß dem Hosentaschendualismus vorstellen: Rechts kommen die Gewinne rein (denn dort sitze das Kapital), und aus der linken Tasche begleicht man die Verluste. So sehen die Wunder des Jahres 2005 in einer Berufsgruppe aus, der niemand gesagt hat, wie man Kapitalist wird. Mit öffentlichen Subventionen überleben, das darf man wohl als kleine Kunst betrachten in einer Branche, die ansonsten aus winzigen Summen große Werke zu machen versteht. apl
Text: F.A.Z., 18.03.2005, Nr. 65 / Seite 39
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