Glosse Feuilleton

Schmidts Theater

14. Oktober 2007 Im Vorprogramm erinnerte sich der Stuttgarter Altoberbürgermeister Manfred Rommel im Gespräch mit Talkmaster Wieland Backes, wie 1977 das Gerücht, Baader und Meinhof bekämen in Stammheim jeden Tag Zwetschgenkuchen, die schwäbische Volksseele zum Kochen brachte. Was heute auch niemand mehr weiß, am wenigsten der furchtlose Altschauspieldirektor Claus Peymann: Bei ihm standen im heißen Deutschen Herbst nicht nur Zahnspenden und Revolution, sondern auch Zwetschgenkuchen mit Sahne auf dem Spielplan. Am Tag freilich, als Schleyer begraben wurde, hatte im Stuttgarter Staatstheater ein "Elvis-Memorial" für den verstorbenen King Premiere. Die Vorstellung sah dreizehn- mal ein zwanzigjähriger Schauspielschüler, dem die klammheimlichen RAF-Sympathien seiner Mitschüler so fremd wie egal waren: Harald Schmidt fürchtete nur, man könnte die Revue mit Conférencier Peter Sattmann als bürgerlichen Eskapismus absetzen. Ein Grund, sie dreißig Jahre später, im Rahmen des RAF-Memorials "Endstation Stammheim", mit Schmidt als Sattmann, Autor und Regisseur neu aufzulegen. Schmidt hat in flächendeckenden Bewerbungsinterviews wissen lassen, dass er lieber heute als morgen ans Theater zurückkehren wolle. "Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen" ist also nicht nur einer jener Elvis-Abende, mit denen Stadttheater Mäuse fangen, sondern auch die sehr persönlich-sentimentale Erinnerung eines

Zynikers an unschuldigere Zeiten. Schmidt ist in Stuttgart professionell vorbereitet und sehr unterhaltsam. Der Herr mit der Fliege und der fast schon beckenbauerartigen Frisur ist sich nicht zu schade für Rumbarasseln, Schauspieleranekdoten und Kalauer. Er kann zwar nicht den Hüftschwung tanzen und nur Brecht singen, und so wie er St. Justs Blut-Monolog aus "Dantons Tod" vorträgt, käme er heute nicht mal auf die Schauspielschule. Aber dafür kann Schmidt aus Kabarett und Kantinentratsch einen mörderischen Molotowcocktail mixen: Hartz IV und Hamlet ist drin, Biermann und Beethoven, Eva Herman und Stuttgart 21 ("Bei der RAF war vieles schlecht, aber sie wollte nie den Hauptbahnhof unter die Erde bringen"), und wie er Elvis und die RAF, Baader und Hitler aufeinander bezieht, könnte selbst den "Spiegel" neidisch machen. Am Ende des Terroristen-Musicals liegt Andy im Bett mit Adi und liest dem Führer, wie von Stefan Aust empfohlen, "Moby Dick" vor. Waldi Hartmann lacht im Parkett mehr als beim Länderspiel, Peymann zeigt sich "total neidisch", das Publikum fordert Zugaben. So hat der unpolitische Schauspieleleve nicht nur politisch recht behalten. Er ist auch nach dreißig Jahren Umweg doch noch dort angekommen, wo er immer schon hinwollte: In der Heimat. M.H.

Text: F.A.Z., 15.10.2007, Nr. 239 / Seite 35

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