14. September 2008 Alkohol war in der Türkei immer ein Politikum. Der Staatsgründer Atatürk machte den Raki als Getränk bei Kabinettssitzungen salonfähig: demonstrativ, als Ausdruck seiner westlichen Lebensführung. Er starb an Leberzirrhose. Der Ministerpräsident Erdogan hingegen trinkt demonstrativ nicht. Bei Staatsbanketts sieht man ihn mit Fruchtsäften, am liebsten mit Apfelsaft anstoßen. Wie sehr Erdogan sich wegen seiner Abstinenz unter Druck gesetzt fühlt, offenbarte er bei einem Fastenbrechen seiner Partei, der AKP, im Istanbuler Stadtteil Kadiköy.
Dort hat im Auftrag der AKP-Stadtverwaltung das Management des Seehafens den Genuss von Alkohol rund um die Anlegestellen ganz einfach verboten. An jedem Freitag lässt sich nun ein Grüppchen wackerer Alkoholverfechter an einem der Kais nieder und trinkt – demonstrativ und umrundet von Polizisten – in aller Ruhe Bier. Selbst die Verhaftung des Organisators konnte den Bier-Protest nicht aufhalten. Leute, die Alkohol trinken, behaupten, sie würden deshalb von ihrer Nachbarschaft unter Druck gesetzt. Der wirkliche Druck aber lastet auf denen, die nicht trinken. Wenn ich sage: Ich trinke nicht, dann fordern sie mich dennoch auf, mit ihnen anzustoßen. Diese Leute glauben tatsächlich, uns sagen zu können, was wir tun und lassen sollen“, klagte Erdogan.
Der schwierige Weg zur Abstinenz
In der Türkei quittiert man diese Opferhaltung mit Gelächter: Unter Erdogans Regierung wurde die Lizenzvergabe für den Ausschank erschwert, die Zahl der Lokale und Geschäfte, die Bier oder Raki verkaufen, ist um dreizehn Prozent gesunken. Als Bürgermeister von Istanbul ließ Erdogan den Ausschank von Alkohol in städtischen Restaurants und Cafés verbieten, viele AKP-Bürgermeister tun es ihm inzwischen gleich. Manche Kioskbesitzer, zu deren abendlichen Haupteinnahmen der Verkauf von Efes-Bier gehörte, verzichten inzwischen freiwillig darauf, weil sie die Pöbeleien der Frommen leid sind.
Zuletzt sorgte ein Gesetz für Aufregung, das den Verkauf von Alkohol über Telefon und Internet verbietet, auch als Tombolagewinn darf er nicht mehr vergeben werden. Sogar die Leckerbissen in Geschenkkörben, mit denen Türken sich an Silvester eine Freude machen, dürfen nur noch ohne Hochprozentiges angeboten werden. Erdogan hat die Maßnahmen mit seiner Sorge um die Volksgesundheit begründet. Um die kümmert sich der Durchschnittstürke wenig: Trotz aller Maßnahmen soll seit Erdogans Regierungsantritt der Konsum von scharfen Getränken dramatisch gestiegen sein, der Verbrauch von Wein, Bier und Raki hat sich seit dem Jahr 2003 fast verdoppelt, laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation sind vier Millionen Türken dem Alkoholismus verfallen. Wir haben noch einen langen Weg zu gehen“, sagte Erdogan in Kadiköy. Darauf kann man nur anstoßen. So leicht ist die Türkei nicht abstinent zu machen.
Text: F.A.Z.
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