05. Juli 2006 "Stallone ist vielleicht der seiner selbst bewußteste edle Wilde seit Mussolini", hat David Thomson in seinem "Biographical Dictionary of Film" geschrieben, und wenn das auch ein wenig rätselhaft klingt, so fixiert es doch sehr genau den Widerspruch, welcher die Karriere von Sylvester Stallone ausmacht. Lange Jahre galt er als hirnloser Muskelprotz mit gefährlichem politischen Rechtsdrall, und seine Filme wirkten wie ideale Vehikel für Reagans Kreuzzugsideologie. So hartnäckig verwechselte man vor allem in Europa seine beiden Avatare, den Boxer Rocky Balboa und den ehemaligen Vietnamkämpfer John Rambo, mit dem Mann selbst, daß die wenigsten wußten, daß er die Drehbücher geschrieben und zum großen Teil auch Regie geführt hatte; daß er also im Grunde das europäische Ideal eines Autorenfilmers erfüllt, der seine Sicht der Welt in jedem Film kompromißlos auf die Leinwand bringt. Statt dessen las man von seiner Ehe mit der dänischen Silikon-Amazone Brigitte Nielsen und kaum davon, daß er malt, Kunst sammelt und der staatlichen Kunstkommission angehört. Bei dem Mann mit dem ambivalenten Spitznamen "Sly", was sowohl schlau als auch listig und sogar verschlagen bedeuten kann, fragt man sich schon lange, ob er sich hinter dem selbst entworfenen Image versteckt, oder ob ihm dieses Image derart über den Kopf gewachsen ist, daß der lange Schatten ihn erdrückt. In seinen Filmen ist die Antwort schwer zu finden, denn wenn auch die Zeit der ideologischen Verdammungen vorbei ist, läßt sich nicht übersehen, daß er nicht immer das beste Gespür für gute Rollen hatte: Weder seine Ausflüge in die Komödie noch die Imageübererfüllungen in "Judge Dredd" oder "Demolition Man" waren Neuerfindungen. 1997 allerdings, nach "Cop Land", sah es so aus, als sei er seinem Image entwischt: Als tauber Kleinstadtsheriff machte er neben Robert DeNiro und Harvey Keitel eine so gute Figur, daß man sich die Augen reiben mußte. Doch der kluge Geschäftsmann Stallone, der an der Kette "Planet Hollywood" beteiligt war und eine eigene Firma für Protein-Präparate besitzt, bereitet lieber seinen vierten "Rambo" vor und hat seinen sechsten "Rocky" abgedreht, der Weihnachten ins Kino kommen soll. Das sieht dann doch eher aus wie eine Fluchtbewegung in die achtziger Jahre, die sein Jahrzehnt waren. Vielleicht sollte er heute, da er seinen sechzigsten Geburtstag feiert, doch noch mal in sich gehen, um zu finden, was in ihm steckt. PETER KÖRTE
Text: F.A.Z., 06.07.2006, Nr. 154 / Seite 45
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