Deutsch-italienische Sprachverwirrung

In dubio prosciutto

Von Dirk Schümer

17. November 2009 Als uns neulich ein Möbelpacker „das bestellte Champagner-Regal“ anlieferte, klärte sich unsere freudige Verwirrung erst beim Zusammenschrauben des edlen, aber leider flaschenlosen Teils: „Modell Campagna“ hatte es der in China produzierende, aber offenbar italophile Hersteller genannt. Und damit mal wieder eine gähnende Lücke im deutschen Bildungssystem offenbart. Wer braucht noch Englisch, wenn man im Alltag ohne Italienisch nicht mehr durchkommt? Warum ist hierzulande dauernd von Pisa und Bologna die Rede, aber kein Mensch übt sich mehr wie Goethe und Mann in der Weltsprache, die man in diesen schönen Städten spricht?

Ein Bummel über den Gemüsemarkt beweist den Notstand eindrücklich. Wer da nicht auf Anhieb Rucola von Radicchio unterscheiden kann, erlebt spätestens in der Küche böse Überraschungen. Vorsicht auch bei der Aussprache! Raditscho und Tsuschini – das klingt in italienischen Ohren eher nach Sushi oder Tsunami. Dass es früher einmal deutsche Gewächse namens Rauke und Radieschen gab, macht das Schlamassel nur noch schlimmer. Denn nordalpine Rauke hat wenig mit dem bei uns meist zur „Ruccola“ verunstalteten italienischen Salatgewächs gemein. Radieschen heißen auf Italienisch zu allem Überfluss Ravanelli.

Sekt oder Schinken?

Da stärkt sich der verwirrte Deutsche am besten im nächsten Stehcafé, wo indes sogleich das nächste Sprachproblem lauert. Was, porca miseria, ist denn nur ein Ciabatta-Brötchen? Etwa dieses pantoffelartige Weißgebäck voller Mozzarella und vielleicht gar ein paar Blättern Ruccola? Pardon, Rucola natürlich. Seit sogar an deutschen Autobahnraststätten lobenswerte Italia-Bars aufgemacht haben, müsste zum Espresso und Cappuccino eigentlich ein Wörterbuch neben dem Zucker auf der Untertasse liegen. So aber muss man mitleidig erleben, wie verwirrte Rentner auf dem Busausflug beim balkanischen Kellner den Unterschied zwischen „Latte macchiato“ und „Caffè latte“ herauszufinden suchen: „Was soll denn diese blöde Latte im Kaffee?“

Und auch hier heißt es bei den Häppchen wieder: Attenzione! Mir zum Beispiel legte die Bedienung vor ein paar Tagen ein „Prosecco-Brötchen“ auf den Teller. „Ich muss“, lag mir auf der Zunge, „doch noch Auto fahren.“ Erst der Kassenbon klärte mich auf, was sich im Butterbrot versteckt hielt: ganz prosaischer Prosciutto natürlich.

Text: F.A.Z.

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