10. Juli 2008 Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer haben am Brandenburger Tor gesungen, Greenpeace hat dort zehntausend tote Fische ausgestellt, deutsche Milchbauern, Taxifahrer und Kassenärzte haben gegen ihre Lebensbedingungen protestiert, und sogar der umstrittene Rapper Bushido durfte vor dem Langhans-Bau seine sexismus- und rassismusverdächtigen Texte vortragen. Was spricht also dagegen, dass Barack Obama dort Ende Juli eine Rede hält? Gar nichts und viel.
Politisches Handeln ist, wie künstlerischer Ausdruck, eine Stilfrage, und es ist guter politischer Stil, bei Einladungen an ausländische Gäste auf Unparteilichkeit zu achten. Barack Obama aber steht mitten im Wahlkampf, er will im November zum amerikanischen Präsidenten gekürt werden, und sein Auftritt in Berlin ist ein Teil seiner Kampagne. Wenn Obama am Brandenburger Tor redet, spricht er nicht für Amerika, sondern vor allem für sich selbst, er bekräftigt seinen Anspruch, als kompetenter Außen- und Europapolitiker zu gelten.
Ein gewisses Befremden
Die Kanzlerin hat also recht, wenn sie über die Einladung des Berliner Regierenden Bürgermeisters Wowereit an den demokratischen Präsidentschaftskandidaten ein gewisses Befremden empfindet. Aber sie hat unrecht, wenn sie dieses Befremden gegen Obamas Auftritt ins Feld führt. Nicht die Einladung ist zu kritisieren, sondern die Tatsache, dass sie nur an Barack Obama erging. Wer den Symbolwert des Brandenburger Tors, von dem jetzt so viel die Rede ist, wirklich ernst nimmt, muss auch dem Gegenkandidaten Obamas, dem Republikaner John McCain, die Chance geben, sich dort zu zeigen.
Nicht am Trafalgar Square oder an der Place de la Concorde, sondern auf dem Pariser Platz könnte in Zukunft der Speakers' Corner der amerikanischen Außenpolitik liegen. Der Berliner Senat hat, als er den Platz vor fünf Jahren für den Durchgangsverkehr schloss, seine Verwandlung in eine Demonstriermeile und Rednertribüne eingeleitet; nun sollte er im Verein mit der Bundesregierung auch dafür sorgen, dass er bespielt wird. Lasst ein, zwei, viele Obamareden blühen! Allerdings spürt man ein gewisses Befremden bei der Vorstellung, dass auch ein russischer Präsidentschaftskandidat irgendwann Gebrauch von der splendiden Location im Herzen Berlins machen könnte. Aber so weit sind wir ja zum Glück noch lange nicht.
Text: F.A.Z.