Von Jan Grossarth
06. Juni 2008 Der Angler wirft einen Wurm an der sauerstoffreichsten Gewässerstelle aus, dort, wo der Schönbach sprudelnd in die Donau mündet. Er zündet sich eine Zigarette an, atmet durch, blickt bachaufwärts – und hustet so erschrocken, als sähe er einen brennenden Dornbusch sprechen. Das Wasser färbt sich erst kreidig trüb und wird dann langsam fast so weiß wie deckende Wandfarbe. War dies das Paradies, wo Milch und Honig fließen?
Es war ein Fischgrab. Wie Schokoriegel in den Milchfässern einer älteren Fernsehwerbung treiben nun Aale, Gründlinge und Bachforellen an die Oberfläche, japsend nach Sauerstoff und klarem Flusswasser. Zwar sind nun keine leeren Regale mehr zu befürchten, nachdem die Lebensmittelkonzerne den Milchpreis anheben wollen und die Bauern genug haben vom Verschwenden – doch mit voller Wucht hatten die Erzeugerproteste den kleinen Mann am Schönbach im ländlichen Südbaden erreicht. Die Milch schwappt ja in Wellen zum Verbraucher.
Die Klage der Angler
Es ist noch nicht lange her, da hieß es, die europäischen Milchseen, eine Metapher aus Zeiten früherer Subventionsregime, seien endlich ausgetrocknet“. Nun floss die Molke eben in Bäche und Flüsse. Das Dilemma der Bauern ist speziell: Wenn Lokführer streiken, gibt es keine Pünktlichkeit; wenn Drucker streiken, gibt es keine Zeitung; Kühe aber kennen keinen Streik und keine Märkte, sie stillen täglich die Melkmaschinen. Die Milch fließt so konstant, wie Quellen sprudeln und Windmühlen sich drehen. Was hätte der protestierende Erzeuger damit tun sollen? Es gibt keine Molkepipeline ins hungernde Afrika oder hungrige China, und weil auch hierzulande von Armut die Rede ist und eine Kugel Eis achtzig Cent kostet, kippt der Bauer das Nahrungsmittel mit schlechtem Gewissen in Bäche und auf die Felder.
Vielleicht wollte der Flussverseucher vom Schönbach wenigstens die Fische ernähren, nachdem die Kälber im Stall bereits vor glücklicher Sattheit rülpsten. Doch die Forellen erstickten im Überfluss. Nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage dürfte nun, kommt es tatsächlich zur Preiserhöhung, weniger Milch verbraucht werden als beim alten Preis. Das klingt, als müsste sich der ein oder andere Bach auch in Zukunft weißlich trüben. Vielleicht fällt den Milchgenossenschaften bis dahin eine sinnvollere Verwendung ein. Denn hören wir Jesaja: Die Fischer werden trauern; und alle, die Angeln ins Wasser werfen, werden klagen.“
Text: F.A.Z.