21. Januar 2007 In der Bibel stehen klare Worte. Aber für den arg mitgenommenen evangelischen Glauben in Deutschland reichen die klaren Worte offenbar nicht mehr aus. Das Deutsch der evangelischen Kirche tönt wie aus völlig seelenlosen Strategiepapieren. Dahinter muss ein Planungsstab stehen wie in den Controlling-Abteilungen von Betrieben. Ist Christus in die Unternehmensfalle geraten? In der katholischen Kirche kommt der lateinische Gottesdienst wieder in Schwung. Schriftsteller wie Botho Strauss haben ein "Manifest zur Wiederzulassung der überlieferten lateinischen Messe" unterschrieben. Latein? Die evangelische Kirche möchte so reden, wie alle reden, denen vor allem daran gelegen ist, sich selbst und ihre Geschäfte zu "optimieren". "Wandeln und gestalten. Missionarische Chancen und Aufgaben der evangelischen Kirche in ländlichen Räumen" heißt ein neues "Paper" dieser Institution des festen Glaubens an die Kraft des Unternehmens. Im Wortfeld des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bricht man nach wenigen Schritten in die Knie. Angesichts der 77 engbedruckten Seiten, die kürzlich erschienen, werden nicht einmal die Herzen der "kirchlichen Entscheidungsträger" (Wasserträger, Entscheidungsträger) hüpfen, weil sie sich da durchlesen müssen, wenn sie denn einen "positiven Mentalitätswandel in der Kirche" unterstützen möchten. Mitgliederverluste (wer flüchtete nicht vor diesen Worten) und "Relevanzeinbußen" seien als "Herausforderung zum missionarischen Handeln der Kirche zu begreifen". In manchen ländlichen Räumen möchte man eine "ansprechende kirchliche Urlaubsarbeit in den saisonalen Hochzeiten anbieten" (einen Tauchkurs mit dem Pfarrer?). Der liebe Gott? Er wird nicht vergessen, sondern mit einem "einladenden und ansprechenden Reden" (Komm doch rein!) kurzgeschlossen. Gottesdienste sollen "in alternativen Formen und für bestimmte Zielgruppen" (nein, es nimmt kein Ende mit der Anbiederung beim Abnehmer) gefördert werden - für alle, die "in den tradierten Formen nicht mehr zu Hause" (tradierte Formen in der evangelischen Kirche?) seien. Es gehe darum, "den kirchlichen Auftrag der Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus an alles Volk möglichst gut und effizient umzusetzen". Effizient - da ist das Wunschwort. Die EKD: die Effiziente Kirche Deutschlands - zumindest auf den Effizienzpapieren, die stapelweise von ihr in die Welt hinausgeschickt werden, als würde das alles gar nichts kosten. Aber wahrscheinlich verbucht das der Planungsstab der EKD als Entwicklungskosten. rtg
Text: F.A.Z., 22.01.2007, Nr. 18 / Seite 33