Glosse Feuilleton

Gewehrgewähr

10. September 2006 Die "Swissair", das stolze Symbol für den Schweizer Alleingang im Himmel und auf Erden, hat den finanziellen Absturz ein paar Wochen nach dem 11. September auch in den Köpfen nicht lange überlebt. Im gleichen schwarzen Herbst brach im Gotthardtunnel Feuer aus. Die Schießerei im Parlament des Steuerparadieses Zug vollendete die Trilogie der nationalen Katastrophen. Thomas Hürlimann fürchtete damals, die Amerikaner könnten beim gerade erklärten Krieg gegen das Böse in den Katakomben der Taliban in Afghanistan irgendwelche Belege für die Nummernkonten der Terroristen finden. So schlimm kam es dann doch nicht. Es blieb bei der inneren Erschütterung des Landes und seiner Mythen. Das Land aber hat sich verändert, trat den Vereinten Nationen bei und regelte seine Beziehungen zu Europa pragmatisch. Die "Swiss" fliegt unter dem schützenden Flügel des deutschen Kranichs, die Armee macht ihre Übungen im Ausland. Im Gotthard, der kein europäisches Nadelöhr mehr sein soll, erfolgte gerade der Durchstoß für eine neue Röhre. Über das Bankgeheimnis wird weder mit Brüssel noch mit Berlin oder Washington gestritten. In diesem Klima des Aufbruchs, der Anpassung und der Öffnung wird mutig ein weiterer Mythos angegangen: das Sturmgewehr, das jeder rechte Schweizer zu Hause hat. Man liebt die Schützenfeste und das Knabenschießen. Eine Armeewaffe wurde beim Massaker in Zug benutzt. Mit seiner Dienstpistole hat ein Banker im Frühling seine Frau, die bekannte Skirennfahrerin Rey-Beyllet, erschossen. Sogenannte Familientragödien ereignen sich hier häufiger als anderswo. Das gilt auch für die Suizide. Den Zusammenhang mit den Sturmgewehren hat eine Studie nachgewiesen. Gelegenheit mache Diebe, bei Waffen gebe es Tote, schreibt der Schriftsteller Martin Suter. Eine keineswegs feministische Frauenzeitschrift lancierte eine Petition: Die Männer sollen ihr Sturmgewehr abgeben, auch die Quote der erschossenen Frauen sei höher als anderswo. Heftig wird das Thema in den Medien diskutiert. Doch der Widerstand der Schützen, der Männer und der Schweizerischen Volkspartei (SVP) ist heftig. Die SVP, die viele Mythen ihres überholten Schweiz-Bildes abschreiben mußte, führt zusammen mit der Boulevardpresse einen Kulturkampf für das Sturmgewehr. "Man bringt einen Zug auch nicht zum Stoppen, nur weil sich einer vor ihn wirft", wird argumentiert. Zum 11. September wurde sogar der Terrorismus ins Gefecht geführt. Der Vorstoß des Zuger Abgeordneten Jo Lang, der das Sturmgewehr im nationalen Parlament aus dem Privatverkehr ziehen wollte, scheiterte. "Man kann uns nicht mit dem Ausland vergleichen", erklärt trotzig der zuständige SVP-Minister: "Bei uns ist das Volk die Armee." Es lebe Wilhelm Tell. J.A.



Text: F.A.Z., 11.09.2006, Nr. 211 / Seite 31

 
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