08. Juli 2008 Sei kein Frosch: Dieses Stoßgebet richtet derzeit ein katholischer Kirchenvolksteil an den Gekreuzigten – einen giftgrünen Grasfrosch mit einem Bier zwischen den Schwimmhäuten. Was der vor elf Jahren verstorbene Martin Kippenberger sich als gutmütige Provokation ausdachte, erregt in Südtirol die Gemeinde. Natürlich nicht die der Kunstliebhaber; die sehen der Leihgabe eines ansässigen Arztes seit der Eröffnung des ehrgeizigen Landesmuseums für moderne Kunst – Museion“ – im Mai gefasst ins amphibische Auge.
Doch nun hat sich die Existenz des Krötenkruzifixes auch vor den Mauern des Neubaus zwischen Bozener Alt- und Neustadt herumgesprochen. Und die katholische Öffentlichkeit ist außer sich. Ein Frosch am Kreuz? Kurz vor dem weltweit beachteten Papsturlaub in Brixen? Für die beiden Angelus-Gebete des Pontifex sind alle achtzehntausend Eintrittskarten verkauft. So viele würde das Museion“ auch gern einmal loswerden.
Der Frosch muss weg
Doch da gefährdet Kippenbergers Plastik die Existenz des jungen Hauses. Man hängt nämlich am Tropf der reichsten Region Italiens. Die mag zwar zwischen altösterreichischen Südtirolern der Schützen und der Volkspartei auf der einen Seite und den postfaschistischen Rom-Freunden in Grün-Weiß-Rot tief gespalten sein. Da mögen Kinder mit der falschen Muttersprache an der Krippe abgewiesen werden wie weiland Maria nicht. Doch in einem sind sich Italiani cattolici und katholische Tiroler ausnahmsweise einig: Der blasphemische Frosch muss weg.
Der Präsident des Regionalrates, der fromme Franz Pahl, droht mit Hungerstreik, Katechumenen veranstalten Mahnwachen, die Leserbriefseiten der sonst spinnefeinden Lokalblätter Dolomiten“ und Alto Adige“ laufen in beiden Idiomen über wie die Etsch bei Gletscherschmelze. Sogar Bischof Egger zeigt sich mit seinen italienischen Kollegen verbittert über das Ende des Dialogs zwischen der Welt der Kunst und der Welt der Religion“. Alois Lageder, der neue Direktor des Museion“, verteidigt einerseits mutig die Freiheit der Kunst, hat aber den Frosch andererseits erst einmal hinter Zeitungen versteckt. Diese Kröte musste er schlucken. Und die regionale Kunst-Obfrau Sabrina Kasslater-Mur verkündet: Wir sind hier doch nicht in New York!“
Was im derzeit milden Sommerklima wohl nicht nur sämtliche Südtiroler, sondern auch Hunderttausende italienische und deutsche Touristen von Herzen begrüßen. Was soll man denn in New York, wenn man im schönen Bozen sein kann? Und was macht der Frosch? Der schweigt und prostet seinen Bozener Feinden und Freunden stillvergnügt zu. Es ist ein Kreuz mit der Kunst.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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