Googles Wissen

Marktlücke

Von Helmut Mayer

25. Juli 2008 Wir haben die Gene. Obwohl es den Molekularbiologen mittlerweile recht schwerfällt, genau zu sagen, was überhaupt als ein solches Element biologischer Vererbung gelten soll. Wir haben seit geraumer Zeit auch die Meme, die uns weiland Richard Dawkins als Einheiten kultureller Tradierung bescherte und die trotz ihrer beachtlichen Konjunktur immer auch eine beachtlich unscharfe Sache blieben. Und nun haben wir auch das Knol, das ihre Urheber als „unit of knowledge“ verstanden wissen wollen.

Solche Einheiten sollen in stetig wachsender Zahl im Netz zu finden sein, nämlich auf einer Website von Google: www.knol.google.com. Der Sinn der Wortschöpfung ist klar: Wissen, nicht bloß Information. Und um die Solidität dieses Wissens und nicht zuletzt auch seine Nützlichkeit zu gewährleisten, hat sich Google ein Modell ausgedacht, das in deutlichem Gegensatz zur Internet-Enzyklopädie Wikipedia steht. Letztere setzt auf den Reiz des Netzes selbst, auf die aus vielen einzelnen anonymen Beiträgen herauswachsende Gestalt eines kollektiv geprüften Wissens. All die kleinen und großen Abirrungen, die den freiwilligen Arbeitern an diesem großen Projekt unterlaufen (müssen), sollen sich gegenseitig aufheben, um schlussendlich die reine Gestalt der objektiven Darstellung gleich welchen Gegenstands des Wissens hervorzubringen.

Auf dem Markt des Wissens

Naturgemäß bleibt bei einem solchen Prozess unbestimmt, wann ungefähr das Darstellungsideal erreicht ist und woran man es erkennen könnte. Darauf kann sich ein Konzern wie Google kaum einlassen. Wo Geld im Spiel ist, wird der „unsichtbaren Hand“ im Hintergrund nie vertraut. Bei Google setzt man entsprechend auf das ältere Modell der ausgewiesenen Autorschaft. Referenzen am Ende des Texts möglichst eingeschlossen, die das Vertrauen der Nutzer stärken sollen. Die Leser können Kommentare abgeben und Änderungen anregen, aber es bleibt in der Hand des verantwortlich zeichnenden Autors, was er davon in seinen Artikel einarbeiten möchte. Verdienen kann er dabei auch noch etwas, sofern er die Plazierung von Werbung zulässt und die Zugriffszahlen entsprechend sind.

Und das Ideal der Objektivität, des über die Welt ausgebreiteten Lichts des netzgenerierten Wissens, das Wikipedia so stolz und manchmal recht penetrant vor sich her trägt? Es tritt pragmatisch hinter die Idee zurück, dass der mit dem Text auftretende Autor seine Haltung erkennen und einschätzen lässt. Pragmatik gegen unsichere Perfektibilität. Der Markt, auch der des Wissens, kommt ohne geschichtsphilosophische Restbestände aus. Zumindest dann, wenn ein Konzern die Sache in die Hand nimmt.



Text: F.A.Z.

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