"Übelst tolerant"

Skandal im Rap-Bezirk: Der Hip-Hopper G-Hot wettert in seinem neuesten Song gegen Schwule. Sein Label distanzierte sich zwar - aber Provokation gehört weiterhin zum Geschäft.

21. Juli 2007 Von Martin Wittmann

Das Lied trägt den Titel "Keine Toleranz" und klingt so: "Was ist bloß passiert, sie werden akzeptiert, es gab Zeiten, da wurden sie mit der Axt halbiert." Die Rede ist von Homosexuellen, und ginge es nach seinem Urheber, dem Rapper "G-Hot" oder Gökhan Sensan, wie er bürgerlich heißt, dann hat "so was kein Leben verdient". Vor einigen Tagen wurde der Titel auf dem Videoportal "Youtube" veröffentlicht, entrüstete Reaktionen waren die Folge. Umgehend distanzierte sich die Plattenfirma "Aggro Berlin" von ihrem Zögling: Der Vertrag mit G-Hot sei ohnedies ausgelaufen, eine Zusammenarbeit in Zukunft ausgeschlossen. Mag die Reaktion zunächst verständlich erscheinen, zeigen sich dahinter doch einige Ungereimtheiten. Für gewöhnlich nämlich unterstützt Aggro Berlin Grenzüberschreitungen ähnlicher Art nicht nur, sondern profitiert davon.

Das Independent-Label Aggro Berlin wurde im Jahr 2001 von Eric Remberg, genannt "Specter", Jens Ihlenfeldt, bekannt als "Spaiche", und Halil Efe in Kreuzberg gegründet. "Mit einem Startkapital, bei dem uns jeder Betriebswirt für Selbstmordkandidaten gehalten hätte", sagt Specter. Bis dato war deutscher Hip-Hop fest in der Hand von Wortakrobaten in Gestalt von Bands wie "Die Fantastischen Vier", "Fettes Brot" und "Freundeskreis". "Hip-Hop war damals als Subkultur in Deutschland komplett verzerrt und nicht mutig genug", sagt Specter, "wir fühlten uns da überhaupt nicht verstanden." Künstler wie das "Rödelheim Hartreim Projekt", die sich am amerikanischen Gangsta-Rap orientierten, konnten nur kurzzeitige Erfolge feiern - in Erinnerung blieb allenfalls, dass der Chef der Combo, Moses P., Stefan Raab mit einem Faustschlag die Nase brach und dass die Rapperin Sabrina Setlur kurzfristig mit Boris Becker befreundet war. Erst mit Aggro Berlin entwickelte sich eine zweite, härtere Gattung des deutschen HipHop, deren aggressive Grundstimmung in den Wohnsilos der Großstädte entstand.

Fortan machte der Wortwitz dem Vulgären Platz. Die Alben hießen nicht mehr "Außen Top Hits, innen Geschmack", sondern "Carlo, Cokxxx, Nutten". Forderte die Gruppe "Freundeskreis" nur "Eine lingua franca für alle Linken und Einwanderer", trat Fler nun mit Zeilen auf wie: "Das ist Schwarz-Rot-Gold / hart und stolz." Die Fantastischen Vier hatten sich mit einem entspannten "An alle Nixblicker, ich bin der Picknicker" vorgestellt. Bushido hingegen polterte: "Ich mach jetzt mein Solo hart, schreib den Text im Polo-Shirt / Ich mach die Kohle, keiner von euch Homos ist was wert." Auf Konzerten fordern die Fans nicht "Zugabe", sondern wünschen sich von Bushido "Gangbang" oder trällern bei Sido-Auftritten die Melodie vom "Arschficksong".

Sido und B-Tight waren die ersten von Aggro Berlin betreuten Künstler. Später kamen unter anderen Bushido (der freilich schon 2004 zu Universal wechselte), Fler, Tony D, G-Hot und Kitty Kat hinzu. In den vergangenen sechs Jahren produzierte das Label elf Platten, die es in die deutschen Top Ten schafften. Allein Sidos Album "Maske" verkaufte sich 200 000 Mal. Das Magazin "Rolling Stone" nannte das Werk "das erste deutsche Rap-Album". Vor drei Jahren gewann Sido die Auszeichnung "Comet" des Fernsehsenders "Viva" in der Kategorie "Newcomer National", 2005 den "Bravo Otto".

Nichts hätte den Geschäftssinn der als geschickte Strippenzieher agierenden Labelgründer besser unter Beweis stellen können. Halil und Spaiche kümmern sich um das Merchandising und die Buchhaltung von Aggro Berlin. Der ehemalige Kunsthochschüler Specter übernimmt die kreativen Aufgaben und ist für das zielgruppenorientierte Image seiner Schützlinge verantwortlich. "Jeder engagierte Künstler muss sich bei Aggro Berlin als Stereotyp versklaven lassen", sagt der Autor Hannes Loh. Früher trat er selbst mit der HipHop-Band "Anarchist Academy" auf, inzwischen hat er mehrere Bücher über die Rapper-Szene geschrieben. Ziel der Akteure sei es, mit undifferenzierten Texten bestimmte Klischeevorstellungen der Hörer zu bedienen. Aggro-Chef Specter widerspricht energisch: "Schwachsinn, die Künstler sind absolut authentisch. Ich leiste lediglich professionelle Hilfestellung bei ihrer Selbstreflexion."

Beim Aufbau ihrer Stars bekomme Aggro Berlin Unterstützung von Medien wie "Bravo", hat Loh beobachtet. Immer wieder sei in den Berichten über die Künstler die Rede von ihrer prekären Kindheit und der kriminellen Vergangenheit. "Mit dieser kompletten Verherrlichung des Gangsterdaseins wird verkaufsträchtig der Voyeurismus der Mittelschicht bedient."

Fler, der Entdecker von G-Hot, hat die Rolle des ehemaligen Heimkindes übernommen, das sich im Zorn in die Deutschtümelei flüchtet. Den Erstverkaufstag seines Albums "Neue Deutsche Welle" bewarb er mit dem Slogan: "Ab 1. Mai wird zurückgeschossen." Der Halblibanese Tony D hingegen wird auf der Firmen-Homepage als "Vollblut-Araber" vorgestellt - "jeder seiner Reime zerfickt alles um ihn herum". Über B-Tight, Sohn einer deutschen Mutter und eines afroamerikanischen Vaters, heißt es an gleicher Stelle: "Der Neger in ihm ist unter anderem der Auslöser seiner unglaublich aggressiven, blutigen Texte."

Gegen ebendiese Texte ("Wer hat das Gras weggeraucht? Der Neger! Wer rammt dir den Penis in den Bauch? Der Neger!") protestiert der von dem Musiker Adé Bantu im Jahr 2001 gegründete Verein "Brothers Keepers", ein Zusammenschluss von mittlerweile 84 Künstlern und Produzenten, der sich gegen Rassismus auf allen gesellschaftlichen Ebenen einsetzt. Der Verein fordert von Aggro Berlin "ein Ende der Produktion und Vermarktung rassistischer und sexistischer Images und Inhalte" und von der Firma Groove Attack die Einstellung des Vertriebs des B-Tight-Albums "Neger Neger". Unterstützer des Aufrufs sind unter anderen Roger Willemsen, Smudo und die Politikerinnen Petra Pau (Die Linke), Claudia Roth (Die Grünen) und Monika Griefahn von der SPD. Specter argumentiert dagegen: "B-Tight ist doch selber schwarz. Der macht einfach seine Musik, wir vermarkten sie, seine Fans hören sie." Die Nachfrage ist stets das schlagkräftigste Argument der Produzenten.

Von Anfang an setzten die Aggro-Gründer auf Kompromisslosigkeit. Bushidos Debüt "Vom Bordstein bis zur Skyline", Sidos Album "Maske" sowie diverse Sampler wurden öffentlichkeitswirksam von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt. Die Debatte um die vermeintliche Verrohung der Jugend sowie Äußerungen erschrockener Eltern und Politiker machten die Marke Aggro letztlich nur populärer. Die Realität, die die Rapper verarbeiten, sei nun mal hart und dreckig, sagt Specter. Drogen, Sex und Gewalt gehörten zum Alltag. "Nicht wir versauen die Jugend, wir sind die versaute Jugend. All den Alten, die sich über uns aufregen, sei gesagt: Ihr habt damals eure Kinder vernachlässigt. Das habt ihr jetzt davon." Aufmerksamkeit war dem Label dank der permanenten Kampfansage jedenfalls stets sicher.

Den Vorwurf der Diskriminierung konnte Aggro bislang leicht entkräften - mit Hinweis auf die eigenen Mitarbeiter. Fremdenfeindlich? Die Firma bestehe "aus Künstlern und Angestellten unterschiedlichster Herkunft. Alle Vorwürfe in Richtung Rassismus entbehren nicht nur deshalb jeglicher Grundlage". Frauenfeindlich? Sido ließ die Sängerin Kitty Kat bei dem Lied "Ficken" mitsingen, um Kritikern des Stücks den Wind aus den Segeln zu nehmen, wie er der "Berliner Zeitung" gestand. Er rappt also: "Dein Arsch und deine Beine / wir Männer denken nur ans eine." Sie antwortet: "Dein Auto und deine Scheine / wir Bitches denken nur ans eine."

Doch G-Hots Titel "Keine Toleranz" führte zum vorläufigen Abschied vom Prinzip der Provokation. Nach der Veröffentlichung hieß es in einer Mitteilung der Plattenfirma nun politisch korrekt: "Die gesamte Aggro Berlin Crew, Künstler und Mitarbeiter, distanzieren sich entschieden von den in jenem Titel geäußerten Ansichten und Äußerungen."

G-Hots Fehler, so urteilt Autor Hannes Loh, war weniger ein inhaltlicher als ein formaler: Der vierundzwanzigjährige Rapper hat seine Provokationen nicht nur in Reim-, sondern in Reinform vertextet. Sein Lied sei zu ehrlich. "Normalerweise stellen sich die Musiker bei Kritik von außen als Verfechter der Kunst- oder Meinungsfreiheit dar oder präsentieren sich als Produkt der Gesellschaft, der sie mit ihren Liedern den Spiegel vorhalten." Zeilen aus G-Hots Text wie "Nach einem Coming-out würde mich mein Vater mit einer Eisenstange schlagen" lassen indes kaum Spielraum für Interpretationen, um sich mit Verweisen auf den metaphorischen oder satirischen Charakter der Texte aus der Verantwortung zu ziehen, wie sonst bei Aggro üblich.

Überdies sei G-Hot keine Ausnahme, sagt Loh. "Homosexualität ist im Gangsta-Rap das konsensfähigste Ausgrenzungsmerkmal. Frauen können dort Heilige oder Hure sein. Ausländer können gut oder böse sein", stellt Loh fest, "aber Schwulsein hat nichts Ambivalentes. Es klingt nach intellektuellem Milieu, nach Verweichlichung. Und das geht gar nicht."

G-Hot ist mittlerweile abgetaucht. Nur einen Videoclip hinterließ er. Hinter Kappe und Sonnenbrille versteckt, hält der Deutschtürke einen zweiminütigen Monolog, in dessen Verlauf er den Zuschauer nicht weniger als 19 Mal mit "Alter" anredet. Schließlich entschuldigt er sich "offiziell an alle Homosexuellen". Im Übrigen sei er ein "übelst toleranter Mensch".

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.07.2007, Nr. 29 / Seite 46

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