Literatur

Littells Nachbeben

Von Jürg Altwegg

07. Oktober 2007 Vor einem Jahr erschien in Paris die fiktive Autobiographie des SS-Offiziers Dr. jur. Max Aue, der in Frankreich überlebte, Karriere machte und gegen Ende seines Lebens nichts bereut und nichts beschönigt: „Les Bienveillantes“ von Jonathan Littell. Der Erstling eines Amerikaners, der nicht ins Fernsehen geht, Maurice Blanchot verehrt und französisch schreibt, wurde zum Ereignis des Jahres. Ein Jahr danach ist das Nachbeben kaum weniger heftig. Es wimmelt von Büchern über die Kriegszeit und den Nationalsozialismus. Sie handeln von Kindern, deren Eltern Kollaborateure waren. Oder die einen deutschen Vater haben. Was wussten die Alliierten, was wusste die Bevölkerung? Wie verlief die Endlösung? „Wichtige Bücher junger Historiker“ hat „L'Express“ ausgemacht. Das „Magazine littéraire“ rekapituliert „Sechzig Jahre Romane über den Nazismus: von Albert Camus bis Jonathan Littell“.

Der „Figaro littéraire“ lässt die Wehrmacht über mehr als die halbe Seite aufmarschieren: „Die Gespenster Nazi-Deutschlands“. Die Autobiographien von Joachim Fest und Günter Grass erscheinen dieser Tage auf Französisch - der „Figaro“ lässt sie von Ernst Nolte besprechen. Die Welle der Neuerscheinungen geht auf Jonathan Littell zurück, denn im Fall der „Bienveillantes“ geht es um Gut und Böse. Viele Bücher sind der Versuch einer Antwort auf Littells Fragen und Vorgehen. Littells Lektor bei Gallimard legt „Die Entzauberung der Literatur“ vor. Eine Auseinandersetzung mit ihm erscheint unter dem Titel „Die Ausmerzung als schöne Kunst“. Niemand wird die Schoa-Fiktion von Philippe Claudel, der einer der wichtigsten Vertreter der Gegenwartsliteratur ist und schon andere Kriegsromane geschrieben hat, als Konzession an einen Trend werten. Aber in allen Interviews bezeichnet Claudel seinen „Rapport de Brodeck“ ausdrücklich als „Anti-Littell“.

Littell selbst kündigt für November den Essay „Das Trockene und das Feuchte“ an, die Startauflage liegt bei bescheidenen 12.000 Exemplaren. Er handelt vom belgischen Faschistenführer Léon Degrelle, dessen Autobiographie eine seiner Quellen war. „Vor einem Jahr musste man ,Les Bienveillantes'“ auf dem Nachttisch haben, jetzt weiß man nicht mehr so genau, wo man sie auf dem Büchergestell verstauen soll“, liest man im „Magazine littéraire“. Minutiös wird die Erfolgsgeschichte nachgezeichnet, „sie war nicht so spontan, wie man glauben wollte“. Ein Jahr danach scheint sich Frankreich ein bisschen des Triumphs, den es dem durch und durch unmoralischen Roman bereitet hat, zu schämen.

Text: F.A.Z., 08.10.2007, Nr. 233 / Seite 37

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