03. März 2005 Volker Neumann hat jetzt bestätigt, daß die katalanische Kultur den Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 2007 bilden wird. Vielleicht hätte er ja gern gesagt: daß Katalonien Gastland der Frankfurter Buchmesse wird, aber das geht nicht, weil Katalonien kein Land ist, sondern eine spanische Region. Die Katalanen selbst, von denen es sechs Millionen gibt, sprechen bei ihrem geliebten Catalunya mit unübertrefflicher Nostalgie von einer historischen Nation.
Andererseits muß man wohl erwähnen, daß sie von ihrem Katalanentum verwundet, wenn nicht zerrissen sind. Denn ihre Kultur ist so alt und glanzvoll, daß sie mühelos einen eigenen Staat tragen könnte. Nur hat die Größe des zwischen Spanien und Frankreich eingequetschten Katalonien dazu nicht gereicht. Aus dem Widerspruch, wahnsinnig kultiviert und wirtschaftlich erfolgreich, aber einfach zuwenig zu sein - aus diesem tragischen Widerspruch hat sich auf höchstem Niveau ein ironisch durchtränkter Viktimismus entwickelt, der, wenn man ihn richtig zu nehmen weiß, zu den liebenswürdigsten Zügen der Katalanen zählt.
Eine Art südeuropäischer Schwabe
Verrät es nicht viel Stoizismus, ständig hervorzuheben, Catalunya sei sechsmal kolonisiert worden? Und spricht es nicht für große Tapferkeit, aus der schlimmsten militärischen Niederlage der Geschichte, nämlich dem Fall Barcelonas im Jahre 1714, den höchsten Nationalfeiertag zu machen? Eben weil das Zeitalter der skrupellosen Annexionen so barsch mit dem Volk der Bauern, Händler und Kaufleute umgesprungen ist, entweichen die Katalanen gern ins Reich des Symbolischen. Und dort sind sie Könige. Sie haben die aufregendste Architektur Spaniens, das beste Kunstdesign, die coolsten Bars und eine quicklebendige Kulturszene. Brennt ihr schönes Opernhaus ab, spucken alle in die Hände und bauen es in Rekordzeit wieder auf. Nur mit ihrer Sprache sind sie pingelig und finden, Fremde sollten sich gefälligst etwas Mühe geben.
Beim FC Barcelona steht sogar in den Verträgen, Spieler aus Brasilien oder Kamerun müßten Katalanisch lernen. Auch Volker Neumann, dann als Besucher, hat noch etwas zu lernen. Etwa, daß die Schriftsteller Juan Goytisolo oder Carlos Ruiz Zafon nicht typisch für die katalanische Kultur sind, insofern sie beide auf spanisch schreiben und in Marrakesch beziehungsweise Los Angeles leben. Der typische Katalane ist eher eine Art südeuropäischer Schwabe, fleißig, pragmatisch und heimatverbunden. Ein berühmter katalanischer Historiker erkannte schon vor fünfzig Jahren die tiefe Geistesverwandtschaft zwischen Katalanen und Deutschen. Man könnte also mit einem gewissen Recht sagen, Volker Neumann habe die schwäbische Kultur zum Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 2007 gemacht. So betrachtet, löst sich schon mal ein Sprachproblem. Und stellt sich ein neues.
Text: P.I., F.A.Z., 04.03.2005, Nr. 53 / Seite 35