12. März 2004 Am morgigen Sonntag wird Rußland seinen Präsidenten wählen und das Unvermeidliche begrüßen, sich fatalistisch fügen oder ohnmächtig protestieren. Der "Wahlkampf" bestand aus Kandidaten-Wortgefechten, deren rein symbolische Rolle Präsident Putin dadurch verdeutlichte, daß er sich weigerte, an ihnen teilzunehmen. Statt sich am "Gerede" zu beteiligen, das den russischen Normalwähler früher schon frustriert hat, empfahl sich Putin seinem Volk als Mann der Tat und baute in den Tagen vor seiner Wiederwahl die Regierung um.
Im staatshörigen Fernsehen, wo Putin auf die ihm zustehende Werbezeit großzügig verzichtet hatte, war er nun nicht in rituellen Langreportagen präsent, sondern brachte die Expertengehirne auf Touren, die seinen Aktionismus deuten mußten. Ein Zar, der für die beim Volk verhaßte Ministerialbürokratie ein Züchtigungsschauspiel veranstaltet, gewinnt unfehlbar die russischen Herzen. Die demokratische Opposition, die der neuen Duma fernbleiben mußte, hilft Putin freiwillig oder unfreiwillig. Der liberale Jawlinski hat zum Boykott der Wahlen aufgerufen, die er berechtigterweise als Farce bezeichnet. Doch nicht abgegebene Stimmen erleichtern die Manipulation bei der Auszählung, gibt die demokratische Kandidatin Hakamada zu bedenken, die verlangt, die grassierende Korruption im Land nicht behördlich zu bekämpfen, sondern durch mehr Bürgerkontrolle. Wie ihr Kollege Jawlinski wird Frau Hakamada von vielen Städtern geschätzt, insgesamt aber als Fürsprecherin der Bessergestellten wahrgenommen.
Erotische Abenteuer
Auch der ehemalige Fädenzieher des Kreml und Steigbügelhalter Putins, der im Londoner Exil lebende Beresowski, hat mit seinem Marionettenkandidaten Rybkin, der offenbar kompromittierendes Material gegen den Präsidenten präsentieren sollte, ein Lehrstück über die Unzuverlässigkeit aller Marionetten geliefert. Rybkin war unmittelbar nach seiner Registrierung als Kandidat für beinahe eine Woche verschwunden, um plötzlich mit gedunsenem Gesicht in Kiew aufzutauchen. Der Kandidat brachte zunächst private Gründe vor, um sich sodann als Opfer einer geheimdienstlichen Intrige hinzustellen. Und während man ihm verbot, von London aus im russischen Fernsehen aufzutreten, verwandelte er sich in Moskau in den Helden des Musicals "Die erotischen Abenteuer des Iwan Rybkin in Kiew" von Skandalregisseur Galin, der sich durch Erotik-Shows über Lenin und Saddam Hussein einen Namen gemacht hat.
So suchten die Putin-Gegner am Ende ihr Heil im Humor und veranstalteten einen Wettbewerb für Slogans und Wahlkampfplakate, dessen Ernte auf der Internet-Seite www.grani.ru zu besichtigen ist. Mit Putin als neuer Sowjetführer-Ikone, als uniformierter Oberpolizist, dämonischer Superman oder flimmernd vervielfältigt auf einer Bildschirmwand attackieren die Einsender einmütig die triumphierende Machtvertikale. Der gröbere Geschmack findet reich variierte Boykottaufrufe in Gestalt von Toilettenhäuschen als Wahlkabinen. Lieblingsthema bleibt aber das von Stacheldraht oder Gitterstäben umrankte Rußland als Gefängnis, so das Werk jenes arbeitslosen Einsenders aus Tatarstan, das den mit tausend Dollar dotierten ersten Preis gewann. Es zeigt eine gestreifte Gefängniskluft, auf der statt der Häftlingsnummer das morgige Wahldatum eingetragen ist.
Text: kho. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2004, Nr. 62 / Seite 33
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