04. August 2006 Das Bürgerliche Gesetzbuch weiß es ganz genau: Eine bewegliche Sache wird herrenlos, wenn der Eigentümer in der Absicht, auf das Eigentum zu verzichten, den Besitz der Sache aufgibt. Eine besonders bewegliche Sache ist ein Bienenschwarm, und auch da weiß das Gesetzbuch Rat: Wenn der Eigentümer ihn nicht unverzüglich verfolgt oder wenn er die Verfolgung aufgibt, dann gilt der Schwarm als herrenlos, und wir können ihn unbesorgt mit nach Haus nehmen. Doch nicht die Bienen, eine andere Spezies ist es, die uns gerade wieder in Atem hält: Wir reden von den Koffern.
Seit ein paar Tagen haben sie wieder Saison, sie schwärmen aus, sie fahren Zug oder stehen einfach nur herum, und häufig genug sind sie, wie es im Gesetzbuch steht: herrenlos. Harmlos meistens ebenfalls, nur weiß man das leider nicht genau, weshalb man Bahnhöfe räumt und Sprengmeister ruft und die Gepäckstücke, die in seltenen Fällen Propangasflaschen, weit häufiger aber Handtücher und Unterwäsche enthalten, fachmännisch entschärft.
Sensibilisierte Mitbürger, wie es heißt, entdecken momentan einen Koffer nach dem nächsten, wovon uns die Nachrichtenagenturen, als wären wir das Fundbüro, unermüdlich unterrichten. Wer unserer freiheitlichen Gesellschaft einen vernichtenden Schlag versetzen wollte, der könnte auf Bomben getrost verzichten: Ein paar hundert Koffer, zeitgleich auf den wichtigsten Bahnhöfen abgestellt, würden genügen, um das Land fürs erste lahmzulegen.
Doppelt diskrimierend
Das ist bitter, doch stört uns noch etwas anderes: der in doppelter Hinsicht diskrimierende Begriff herrenlos. Natürlich wird, was ein echter Herr ist, der Dame stets das Gepäck abnehmen, zumindest die herrenlose Dame aber trägt die Bürde allein - und darf erwarten, daß man ihren Koffer, den sie ihn nur rasch mal absetzt, nicht der Herrenlosigkeit bezichtigt. Doch auch den Männern tut das Wort unrecht, unterstellt es ihnen doch, entweder vergeßlicher oder krimineller zu sein als die Frauen; nicht jeder kofferlose Herr schließlich ist ein Terrorist.
Und spätestens dann, wenn eine sensible Seele irgendwo die erste herrenlose Damenhandtasche entdeckt, ist es Zeit, nach einem neutraleren Begriff zu fahnden. Unbemannt wäre keinen Deut besser, doch alleinstehend käme der Sache schon näher. Aus Österreich könnte man den Vollkoffer importieren, der freilich arg abwertend ist, und auch unter dem Problemkoffer dürfte man sich etwas vorstellen. Bis die Linguisten sich geeinigt haben, fordern wir die Agenturen dazu auf, im mindesten Falle geschlechtsneutral zu berichten - und zwar von Koffern, die damen- und herrenlos sind.
Text: F.A.Z., 04.08.2006, Nr. 179 / Seite 31
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa
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