Wellenreiter

Rock'n'Roll!

19. April 2004 Thomas Gottschalk präsentierte ein halbes Jahrhundert. Es traten auf, spielten und sangen: "Status Quo", Peter Kraus, Bobby Kimball von der Gruppe "Toto", Bonnie Tyler, Ian Anderson von der Gruppe "Jethro Tull", Jon Lord von "Deep Purple", die "Scorpions", Barry Ryan und, was optisch ohne weiteres in Ordnung ging, die Tochter von Frank Elstner. Das war nicht gerade die erste Garde der Rockmusik; aber was will man machen, wenn Elvis, John Lennon, Jim Morrison, Janis Joplin und Buddy Holly tot und Bob Dylan, Paul McCartney, Mick Jagger, Pete Townshend, Bruce Springsteen, Rod Stewart, Joe Cocker, Elton John, Van Morrison sowie Neil Young entweder schon zu alt sind für diesen Blödsinn oder keine Zeit hatten?

Die Sendung hieß "50 Jahre Rock!", und das Ausrufungszeichen, mit dem das ZDF diesen an sich erfreulichen Sachverhalt versehen hatte, deutete auf eine gewisse Entschlossenheit, bei der allerdings bis zuletzt offenblieb, worauf sie sich bezog. Auf die Auswahl der Gäste, die man bestenfalls als unfreiwillige Parodien der wahren und hier eben leider fehlenden Größen dieser hohen Kunst bezeichnen kann? Oder auf den Moderator, der sichtlich in seinem Element war?

Altersmürbe, nicht alterswürdig

Gottschalk, immerhin vier Jahre älter als die Disziplin, die es zu feiern galt, glaubte zu wissen, wovon er redete: "Ich war dabei!" Keine Miene verzog er, als Wanda Jackson ihren Mickey-Mouse-Hit "Let's Have A Party" altersmürbe, aber nicht alterswürdig zum besten gab und Bonnie Tyler, mittlerweile so breit wie hoch, das übertrieben gutwillige Publikum mit ihrem Gekrächze auf die Folter spannte. Auch daß Barry Ryan zu "Eloise" nur die Lippen bewegte, beirrte den bekennenden Oldtimer Gottschalk nicht. Es war der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich Sender und Teilnehmende geeinigt hatten.

Wen stört es da, daß anläßlich eines eigentlich schönen Jubiläums Lieder zum Kernbestand der Rockmusik hochgelogen wurden, die man allenfalls als deren Schwundstufe bezeichnen kann? Die Redakteure dieser Sendung braucht es nicht zu kümmern, daß es nicht nur eine Geschmacksverirrung, sondern, aus rockhistorischer Sicht, auch unredlich ist, den Leuten Lieder wie "Hold The Line" (von "Toto") oder "Music" (von John Miles) unterzujubeln, als hätten diese mit dem Gegenstand auch nur irgend etwas zu tun.

Was würde Elvis dazu sagen?

Statt redaktionellen Sachverstand, der über Festangestellte ja praktisch gratis zu haben gewesen wäre, holte sich das ZDF den Oberscharlatan Leslie Mandoki, einst Vorzeigekasper bei der leider immer noch nicht vergessenen Gruppe "Dschingis Khan", als musikalischen Leiter ins Haus. Mandokis "Soulmates", ein All-Star-Orchester mit wechselnder Besetzung und aufdringlichem Crossover-Anspruch, veranschaulichte auf denkbar betrübliche Weise, wie heruntergekommen Geschmack und Urteilsvermögen in einem Bereich sind, in dem Thomas Gottschalk unverdrossen meint, mitreden zu müssen.

Dies alles wäre kaum der Rede wert gewesen, wenn der rundum peinliche Abend nicht auch noch jenen Zug in den Politkitsch genommen hätte, der solchen Sendungen eigen ist. Gegen Ende mußte nämlich allen Ernstes noch der Altrocker Michail Gorbatschow auf die Bühne, vermutlich damit sich die "Scorpions" nicht allzu überflüssig fühlten, als sie ihr traniges "Winds Of Change" zu Gehör brachten. Der Nach-Nach-Nach-Nach-Nachfolger von Nikita Chruschtschow, der maßgeblich dafür verantwortlich ist, daß eine DDR-Band wie die "Puhdys" dauerhaft im Westen auftreten darf, erzählte den Hannoveraner Rockern backstage die Mär vom Genossen Chruschtschow bei den Vereinten Nationen: Der Schuhplattler auf dem Tisch, das sei doch eigentlich auch Rock 'n' Roll gewesen. Hand aufs Herz: Hätten Sie's gewußt? Und, mit Heiner Geißler zu fragen: Was würde Elvis dazu sagen?



Text: edo. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.04.2004, Nr. 91 / Seite 35
Bildmaterial: FAZ.NET

 
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