Stasimethoden

Chimaira Lidl

Von Lorenz Jäger

28. März 2008 Als sich vor ein paar Wochen eine linke Abgeordnete aus Niedersachsen über die Vorteile einer stasi-ähnlichen Behörde für eine künftige gerechte Gesellschaft äußerte, war die Aufregung groß: Gab es einen besseren Beweis für die Unverbesserlichkeit? Aus ihrer Fraktion hat man die fatale Christel Wegner inzwischen vertrieben.

Aber was ist die linke Träumerei einer in Ehren ergrauten, ein wenig provinziellen DKP-Frau gegen die kapitalistische Praxis? Was ist der altertümliche Phantasie-Stalinismus gegen den aktuellen Wirtschaftsstalinismus von Lidl? Die Handelskette ließ, wie der „Stern“ aufdeckte, jedenfalls in mindestens einer Regionalstelle Videokameras zur Überwachung installieren, wobei man vorgab, es handele sich um eine Sicherheitsmaßnahme gegen Ladendiebe.

Mitarbeiter oder Ladendiebe

Tatsächlich wurden nicht Übeltäter, sondern vor allem die Mitarbeiter beobachtet. Die Befunde wurden in Protokollen verschriftet. Festgehalten wurde dabei, wer wie oft zur Toilette ging und wer mit wem möglicherweise am Arbeitsplatz anbandeln wollte, wer „introvertiert und naiv“ wirke. Die Zentrale des Discounters hat den Vorgang nicht bestritten, will sich allerdings im Nachhinein von der Ausspähung des Privatlebens distanzieren.

Die Griechen hatten unter ihren Ungeheuern nicht nur solche, die so einfach zu identifizieren waren wie ein Drache. Übler waren die Mischwesen, auf die man sich kaum einen Reim machen konnte. Die Chimaira war so ein Tier, das sich nicht auf den Begriff bringen ließ. Man erzählte sich, dass sie drei Köpfe trug: den eines Löwen, im Nacken den einer Ziege und am Schwanz den einer Schlange. Solche Monstren, Wesen mit zwei oder drei Gesichtern, eines nach Stasi aussehend, eines nach Börsenkurs, gebiert auch die Geschichte, sie ist buchstäblich monströs. Und Lidl ist keine Chimäre.



Text: F.A.Z., 28.03.2008, Nr. 73 / Seite 35

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