14. Januar 2008 Eine Meldung sorgte am Wochenende für Aufregung: Leonardo da Vincis Mona Lisa ist Mona Lisa - und nicht Jesus, Maria Magdalena oder ein homosexueller Liebhaber des Künstlers.
Jahrhundertelang war spekuliert worden, wen Leonardos berühmtes Gemälde wirklich zeigt, und da klassische Kunsthistoriker ihre Daseinsberechtigung zu großen Teilen daraus beziehen, mit Verweis auf die Bedeutung übersehener Details eines Bildes die Deutungen ihrer Vorgänger über den Haufen zu werfen, blühte der Thesenhandel: Giorgio Vasari schrieb, Leonardo habe um 1500 ein Porträt der Mona (für Madonna) Lisa del Giocondo, der dritten Gemahlin eines Florentiner Kaufmanns, gemalt.
Warum hat er das Bild dann aber nicht bei seinem Auftraggeber abgeliefert, sondern mit nach Frankreich genommen und erst kurz vor seinem Tod verkauft? Eine These jagte die andere: weil das Bild in Wirklichkeit eine der Mätressen von Charles d'Amboise zeige. Weil es ein Selbstporträt Leonardos als Frau sei (daher das Lächeln!). Weil es das androgyne männliche Nacktmodell Gian Giacomo de Caprotti alias Andrea Salai Florentine darstelle, mit dem Leonardo zusammenlebte - Mona Lisa sei nur ein Anagramm für Mon Salai.
Quelle von hohem Wert
Jetzt wurde bekannt, dass der Direktor der Heidelberger Universitätsbibliothek, Veit Probst, demnächst einen Aufsatz publizieren wird, der das Rätsel um Mona Lisas Identität endgültig lüften will. Eine auf Oktober 1503 datierte Eintragung in einem in Heidelberg aufbewahrten Buch, das Leonardos Zeitgenossen Agostino Vespucci gehört haben soll, beweise, dass Leonardo damals tatsächlich die Mona Lisa del Giocondo malte. Der Eintrag ist die einzige bekannte zeitgenössische Quelle, die von einer Mona Lisa spricht und daher nach Ansicht vieler Experten tatsächlich von hohem Wert.
Allerdings ist Probst nicht der Erste, der dieses Buch entdeckte; Probsts ehemaliger Angestellter Armin Schlechter publizierte den Fund bereits vor über zwei Jahren in einem Katalog. Vor ein paar Tagen gab Schlechter die damals kaum beachtete Entdeckung noch einmal an die Presse, wohl auch, um Probst den Glanz des Fundes nicht allein zu überlassen. Was aber beweist er wirklich? Er macht die immer schon wahrscheinlichste These zur Mona Lisa noch wahrscheinlicher. Die Verschwörungstheoretiker dürften den Eintrag dagegen kaum als Widerlegung ihrer Thesen akzeptieren, sondern allenfalls auch Vespucci als Opfer eines großen Irreführungsmanövers sehen, das nur von der ungeheuerlichen Wahrheit des Gemäldes ablenken sollte.
Text: F.A.Z., 15.01.2008, Nr. 12 / Seite 31
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