03. Juli 2006 Sie befinden sich hier. Wo ist hier? Hier ist immer sprecherabhängig. Dann lesen wir eben noch einen Satz: "Ein Tropfen Blut löst sich von meiner Stirn und versinkt einige Zentimeter tief im Schnee." Aha, Klagenfurt! Rainald Goetz, 1983, der Mann, der sich, bevor er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb anfing zu lesen, die Stirn aufritzte und das Blut aufs Manuskript (in den "Schnee!") tropfen ließ. Wenn sich also, wie dieses Jahr, die Autorin Kathrin Passig in Klagenfurt hingesetzt und gelesen hat: "Sie befinden sich hier", dann war damit Klagenfurt gemeint, und der Satz mit dem Blut ist offenkundig eine Anspielung auf die aus heutiger Sicht geradezu rührende Pose des angry young man Goetz. Kathrin Passig wählt in ihrem Siegertext die Metapher vom Schneegestöber. Wer daraus errettet wird, muß sich Vorhaltungen machen lassen: "Statt Mitgefühl wird dem Geretteten ein schlampig formulierter Beitrag in irgendeiner Mitgliederzeitschrift zuteil, in dem von Leichtsinn, mangelnder Vorbereitung und unzureichender Ausrüstung die Rede ist." Wie oft haben sich Autoren für ihren Auftritt in diesem Literaturgestöber, in dem sie zu siegen meinten, nachher nicht nur gutgemeinte Rezensionen anhören müssen, sondern auch noch: Wie konntest Du bloß so unvorsichtig sein, da hinzugehen?! Kathrin Passig hat vorgebaut: "Man kann uns kaum vorwerfen, daß wir unvorbereitet waren." Der Zentralen Intelligenz Agentur (ZIA) sei dank. Ihr gehört Kathrin Passig an, wie übrigens auch zwei andere Autoren, die in Klagenfurt schon Preise gewannen. Und spätestens nach diesen Erfolgen sagte man sich, nun sei es an der Zeit, auch das oberste Stockwerk der Festung einzunehmen. Man tat das ganz unverhohlen: "Sie befinden sich hier." Das ist, so direkt an die im selben Raum sitzenden Zuhörer gerichtet, natürlich eine tautologische Aussage, deren außersprachliche Gültigkeit aber evident ist: Klagenfurt - daß man darauf nicht gleich gekommen ist! Geheimdienstorganisationen wie die ZIA haben eine Schwäche für Gebrauchstexte, mit Metaphern und Mehrdeutigkeit können sie nichts anfangen, das System bräche ja zusammen. Alles will wörtlich oder gar nicht verstanden werden. "Die Frage, was zu tun ist, wenn beides nicht zutrifft, wird in der Literatur höflich ausgespart." Welchen Sinn kann der Hinweis auf die Literatur haben, wenn nicht den, damit sagen zu wollen, man selber gehöre gar nicht dazu, lasse sich vom Betrieb aber gerne die Krone aufsetzen? Der größte Witz ist - die Wahrheit: Klagenfurt! Verirren ist menschlich: "Nicht zu wissen, wo man sich relativ zu anderen Punkten aufhält, ist keine Todesursache", las die Siegerin ungerührt und fuhr fort: "Verwirrung ist eine Todesursache." In Klagenfurt waren alle so verwirrt, daß sie sich über diese Autorin verdächtig einig waren. Ein Todesurteil? Nicht für die Vorleserin. Für den Wettbewerb? Von einer Absetzung hört man nach diesem Coup noch nichts. Selten so gelacht. edo.
Text: F.A.Z., 04.07.2006, Nr. 152 / Seite 41
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