08. Dezember 2005 Berlin ist immer für eine unsinnige Aufregung gut. Mit großer Empörung hat der deutsche Künstler Gregor Schneider auf die Mitteilung des Museums für Gegenwart im Hamburger Bahnhof reagiert, man werde sein "Cube Berlin 2006" getauftes Projekt dort nicht realisieren. Die Absage, erklärte Schneider, sei "beschämend". Nun handelt es sich bei "Cube Berlin 2006", einem monumentalen schwarzen Würfel, um einen klassischen Fall von Produktumdeklaration - denn schon im Juni war Schneider mit diesem Projekt in Venedig, wo es "Cube Venice 2005" hieß, auf der Kunstbiennale gescheitert (F.A.Z. vom 16. Juni). Schneider, der mit seinem über Jahre manisch umgebauten "Toten Haus Ur" in Mönchengladbach-Rheydt bekannt wurde und vor vier Jahren in Venedig für seine kafkaeske "Ur"-Installation im deutschen Pavillon den Goldenen Löwen gewann, wollte den vierzehn Meter hohen schwarzen Kubus in die Mitte des Markusplatzes pflanzen. Dort hätte das Objekt, vor allem in Verbindung mit den umlaufenden Kolonnaden, eine verblüffende Ähnlichkeit mit der berühmten Kaaba im Innenhof der großen Moschee in Mekka erzeugt und den Markusplatz gewissermaßen umkodiert. Der Kubus, der gleichermaßen die Kaaba als auch Malewitschs schwarzes Quadrat aufruft, hätte an dieser - aber auch nur an dieser - Stelle das Zentrum der islamischen und eines der westlichen Welt in einer bisher ungesehenen Weise ineinandergeblendet, Mekka und Markusplatz zu einem utopischen Ort gemacht. Man hat das Vorhaben damals mit dem Verweis auf die durch den Kubus angeblich erhöhte Terrorgefahr abgelehnt, ein absurdes Argument, das unter anderem durch eine Erklärung des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Nadeem Elays, der das Projekt ausdrücklich begrüßte, entkräftet wurde. Man kann Schneiders Verbitterung verstehen und seinen Wunsch, es anderswo zu realisieren. Doch manchmal muß es auch die Aufgabe des Kurators sein, den Künstler vor der Zerhäckselung seiner eigenen Ideen zu bewahren. Die Parallelisierung von Mekka und Venedig, die den Reiz des Werks ausgemacht hätte, verlangt zwingend nach einem Ort, der an die architektonische Situation in Mekka erinnert - und nichts ist so wenig ein Mekka wie der Hamburger Bahnhof. Schneiders Projekt lebt von der Sprengkraft, die eine stumme, monumentale Form im öffentlichen Raum entfalten kann, dort, wo man keine Kunst erwartet. Im Reservat des Museums ist man solche Formen aber schon reichlich von den Minimalisten gewöhnt; die Wirkung würde verpuffen. So wurden Schneiders verzweifelte Versuche, den Kubus unter allen Bedingungen zu verwirklichen, immer gespenstischer: Man könne ihn verkleinern, nur für einen Tag aufbauen, als Video projizieren oder ihn weiß verhängen. Welcher böse Dämon befiehlt Schneider, die schwarze Kiste um jeden Preis zu realisieren, als sei sie das Geschenk einer ungeliebten Tante, das irgendwo hingestellt werden muß? Verkleinert, projiziert, entpolitisiert, aus dem öffentlichen Raum ins Museum überführt, wäre der Kubus nur noch gefälliges Kunstgewerbe: ein weiteres schwarzes Quadrat vor der Wand. nma
Text: F.A.Z., 09.12.2005, Nr. 287 / Seite 33
