Glosse Feuilleton

Warum schreit's Kind?

22. Juli 2005 Die Generationen sollten freiwillig auseinanderrücken, forderte einst Arno Schmidt, der auch den Preis dafür benannte: Kinderlosigkeit bedeute "1 Sorge weniger; 1 Verständnislosigkeit mehr". Nun verdanken wir den letzten vier Dekaden kinderpsychologischer Publizistik das Bewußtsein, welche Verheerungen man in jungen Seelen zwangsläufig anrichtet, indem man die ersten achtzehn Jahre mit ihnen verbringt. Wer all den Berichten über gutmeinende, aber hilflose Eltern und ihren verkorksten Nachwuchs nicht naiv ausgewichen ist, wird sich seinen Kinderwunsch anschließend dreimal überlegen, aus Furcht vor einem ewig schlechten Gewissen. Das zu beruhigen steht indes eine ganze Industrie parat, deren Kataloge gleichzeitig die Ernsthaftigkeit des Problems wie auch die Solidität der angebotenen Lösungsmodelle betonen. Sie liebt Vokabeln wie "Verantwortung", "Sicherheit" und "von Fachärzten empfohlen", ein "Baby-Spielgerät mit Musik" aus Plastik ist "wichtig" für den Säugling, vermutlich weil es ein rotes Bärchen enthält, das drei verschiedene Melodien spielen kann, das aufklappbare Kinderhandy macht "nicht nur Spaß, sondern auch Sinn", und selbst die in diesem Zusammenhang unerwartete Taufkerze "garantiert strahlende Augen in der Kirche und schöne Erinnerungen zu Haus". Wer bei all den Garantien und Sicherheiten sein Baby immer noch nicht zufriedengestellt hat und dessen Gebrüll nicht interpretieren kann, wer also zur Schmidtschen Sorge noch die Verständnislosigkeit dazubekommt, kann unter dem Namen "WhyCry?" zu einem "Analysegerät" für 89 Euro greifen. Es ermittelt "innerhalb 20 Sekunden" den Grund des Geschreis - Hunger, Langeweile, Unwohlsein/Schmerz, Müdigkeit, Streß/Kolik - und gibt "praktische Vorschläge gleich dazu, damit Sie die Situation ändern können." Was aber, wenn sich die Kleinen dem Lauschangriff durch Täuschung des Geräts entziehen? In G. F. Ungers Spätwerk "Der Stern im Norden" ist von einem alten "Indianertrick" die Rede, der "nur aus einem jähen Pumaschrei" besteht und jedes Tier weit und breit in die Flucht schlägt, weil es sich einer Raubkatze gegenüber glaubt. In die Welt der Analysegeräte übersetzt, hieße das etwa, das eigentlich eher gelangweilte Baby brülle wie am Spieß in der Tonlage "Schmerz", um seine Eltern zu verschrecken und um zu sehen, was passiert, was ja wiederum der Langeweile abträglich ist. Undenkbar wäre ein solcher Protest gegen die ungleichen Waffen nicht, immerhin haben die Säuglinge ja kein Gerät, die sicherlich verwirrenden Laute der Eltern zu deuten. Lernen müssen sie das nicht. Ihre Eltern tun es ja auch nicht. spre

Text: F.A.Z., 23.07.2005, Nr. 169 / Seite 35

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