Francisco Ayala

Handkuss

Von Paul Ingendaay

08. November 2009 Es gehört sich nicht, das Sterben eines Menschen zu beschreiben. Seit Proust den Tod der Großmutter schilderte, wissen wir, dass das Ende uns wieder verwandelt, als wären wir Tiere in Not. Über das Sterben des spanischen Schriftstellers Francisco Ayala jedoch ist eine Geschichte im Umlauf, die sich erzählen lässt.

Er starb, wie er gelebt hatte, mit größter Klarheit, ja Entschiedenheit, und der Tod meinte es so gut mit ihm wie vorher das Leben. Ayala war im vergangenen März hundertunddrei Jahre alt geworden. Bis in die neunziger Jahre hinein schrieb er kurze Aufsätze und Betrachtungen, die zusammengenommen einen weiteren Teil seiner Autobiographie bilden. Seine Reise nach Deutschland 1929. Sein Ekel vor Hitler. Die Ermordung von Vater und Bruder während des Spanischen Bürgerkriegs. Sein langes Exil in Argentinien, Puerto Rico, Nordamerika. In den frühen Jahren in Buenos Aires, als er kein Geld hatte, übersetzte er Rilkes „Malte Laurids Brigge“, Thomas Manns „Lotte in Weimar“ und Alberto Moravias Roman „Die Römerin“. Dann wurde er einer der besten spanischen Schriftsteller seiner Zeit, weigerte sich aber, das Schreiben zum Beruf zu machen.

Bis zum Ende blieb er in seiner großen Wohnung in der Madrider Altstadt, die er sich ein halbes Jahrhundert zuvor, noch zu Lebzeiten Francos, gekauft hatte. Wer ihn dort besuchen durfte, lernte auch Fatima kennen, seine marokkanische Haushälterin. Vor ein paar Tagen bereitete Fatima dem Schriftsteller das Frühstück wie immer, ein spätes Frühstück, wie Don Francisco es liebte: Kaffee, Orangensaft, Rührei und eine Madeleine, die in Spanien „Magdalena“ heißt. Als er mit dem Essen fertig war, um halb zwölf, setzte er sich aufs Sofa und legte die Sauerstoffmaske an. Doch eine halbe Stunde später nahm er sie wieder ab.

„Warum nehmen Sie sich die Maske ab, Don Francisco?“ So oder ähnlich wird Fatima gefragt haben. Sie war Haushälterin, Mama und Pflegerin in einer Person. „Weil ich sterben werde“, sagte er. „Wann?“, fragte Fatima. „Jetzt.“ Dann nahm er Fatimas Hände, küsste sie dreimal und bat um Verzeihung. „Für alles.“ Fatima rief seine Frau, und zusammen erlebten die beiden Don Francisco Ayalas Tod. Er starb auf dem Sofa, so ruhig, wie eine Kerze verlischt, und soll seine Frau bis zuletzt angesehen haben.

Text: F.A.Z.

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