14. Juli 2004 Ein Bild geht um die Welt. Breitbeinig, die Arme emporgereckt, grinsend: In der Pose des Triumphators ließ sich Elias Bierdel, in bezeichnender Personalunion Vorsitzender und Pressesprecher der Hilfsorganisation Cap Anamur, von den Pressefotografen an Bord seines Schiffes ablichten, bevor er von den Italienern verhaftet wurde. Das wichtigste Instrument seiner Arbeit hält er in der Rechten: das Megaphon. Unter ihm die Unglücklichen, mit deren Rettung er sich brüstet, schwarze Männer in denselben blütenweißen T-Shirts, die auch die Besatzungsmitglieder zum Zeichen ihres reinen Willens tragen.
Hat man das Bild nicht schon einmal gesehen? In der Ikonographie der humanitären Bewegungen wird man nicht fündig werden. Den Sklavenbefreiern sind zwar Denkmäler errichtet worden. Aber der prahlerische Gestus Bierdels ist erst möglich, seit die religiöse Begründung des weltweiten Kampfes gegen die Grausamkeit aus der Selbstdarstellung der organisierten Menschenfreunde verschwunden ist. Ein Wilberforce und ein Lincoln legten eine Demut an den Tag, die man nicht einfach als cant abtun kann. Ihnen standen die ungeheuren Kosten der Mobilisierung der Weltmeinung vor Augen. Es geht nicht ohne unschuldige Tote ab, wenn durch spektakuläre Aktionen die Überzahl der Guten gegen die kleine Zahl der Bösen aufgewiegelt werden soll.
Schon geplant, etwas zu machen
Bierdel macht auf dem Foto nicht den Eindruck, als verschwendete er einen Gedanken an die Leidensgenossen seiner siebenunddreißig Davongekommenen, die das Bild zu Gesicht bekommen und ihm eine einfache Botschaft entnehmen werden: Man kommt durch; man darf sich Schleppern anvertrauen; man muß nicht jämmerlich ersaufen; es gibt den guten Weißen. Mit derselben Offenherzigkeit, mit der sich Bierdel den Kameras präsentiert, hat sich seine Organisation über ihre Strategie geäußert. Sie wollte die Augen der Welt auf das Flüchtlingselend im Mittelmeer lenken, indem sie ihr Flaggschiff dorthin entsandte. "Da hatten wir schon geplant, etwas zu machen."
Man kann sich vorstellen, daß das Erinnerungsbild, das für einen Schnappschuß fast zu sorgfältig komponiert ist, gut in diese Planungen paßt. Mit emblematischen Darstellungen leidender Schwarzer, wie sie die Emanzipationsbewegungen vor zweihundert Jahren verbreiteten, ist die Weltpresse reichlich eingedeckt. Wie wär's, mag man sich in Köln gefragt haben, mit einem Denkmal des Vorsitzenden persönlich? Das wäre eine Abwechslung. Der Bildaufbau folgt der bei Denkmälern klassischen Pyramidenform: oben der einsame Retter, unten die Masse der Erlösten. Als Moment postmoderner Selbstreferenz ist am rechten Rand ein Crewmitglied eingebaut, das mit einer Digitalkamera hantiert.
Klassischer noch komponierte jener amerikanische Amateur sein Memento, der den Folterer von Abu Ghraib über die Leiber seiner Opfer emporragen ließ, die Arme vor der Brust verschränkt. Auch Briedels emporgerissene Arme sagen: Mission erfüllt. Für einen unheimlichen Moment will die Koinzidenz der Gleichförmigkeit einleuchtend erscheinen, und da die Cap Anamur alles auf die Wirkung von Bildern setzt, darf man den Gedanken aussprechen. Der kalkulierte Rechtsbruch, die demonstrative Verletzung staatlicher Souveränität war im Irak wie im Mittelmeer die Methode eines humanitären Imperialismus.
Text: pba, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.07.2004, Nr. 162 / Seite 29
Bildmaterial: dpa/dpaweb