03. September 2006 Seit langem schon ist Seyran Ates eine öffentliche Person. Durch ihre Bücher, ihre Auftritte auf Podien, ihr politisches Engagement gegen Zwangsehen, Kopftücher und gegen die verhängnisvolle Vermischung von Gewalt und Sexualität in vielen türkischen und kurdischen Familien ist die Berliner Anwältin weit über Juristenkreise hinaus bekannt geworden (F.A.Z. vom 2. Februar). Sie ist eine der profiliertesten Deutschtürkinnen der Hauptstadt, hat mehrere Preise für ihre Courage bekommen, Anerkennung wie Anfeindungen erlebt. Bemerkungen wie die, viele Musliminnen lebten "in Deutschland wie im Gefängnis", und ihr Spott wider den "schwärmerischen Glauben mancher Deutscher an Multikulti" haben ihr die zuverlässige Abneigung deutscher Linker und türkischer Rechtsradikaler eingetragen. Nun hat Seyran Ates ihre Anwaltspraxis aufgegeben. Unter ihrer Büronummer läuft nur noch ein Band, das ohne weiteren Kommentar die Auflösung der Kanzlei mitteilt und alle Mandanten an eine Kollegin verweist. "Wir danken für Ihr Verständnis." In einem Berliner Gerichtsgebäude hatte der geschiedene Mann einer von Ates vertretenen Frau die Anwältin unlängst massiv bedroht und ihre Mandantin zusammengeschlagen; die Umstehenden, so Frau Ates, hätten weggeschaut. Der Vorfall habe ihr, die viele türkischstämmige Frauen betreut, wieder einmal "allzu deutlich vor Augen geführt, wie gefährlich die Arbeit als Rechtsanwältin war und wie wenig ich als Einzelperson geschützt bin", heißt es in einer Erklärung; ihre politische Arbeit wolle sie gleichwohl fortsetzen. Für die an Brüchen und Verwerfungen, auch an impulsiven Schritten reiche Biographie von Seyran Ates ist die Auflösung ihrer Kanzlei ein weiterer tiefer Schnitt. Für die Stadt, für das Land aber ist der Vorgang eine Zäsur. Wenn eine Frau, die mehr als einmal ihre Furchtlosigkeit bewiesen hat, eine Frau zudem, die vor Jahren Opfer eines den türkischen "Grauen Wölfen" zugeschriebenen Attentats wurde, das sie nur knapp überlebte, wenn eine solche Frau sich ihre Schutzlosigkeit eingestehen muß und frustriert aufgibt, ist das alles andere als eine persönliche Angelegenheit. Respekt vor dem Rechtsstaat sei Minimalvoraussetzung für die Integration, heißt stets der lauwarme Allgemeinplatz, auf dem sich alle Politiker treffen können. Dieser Respekt, das hat auch Seyran Ates immer wieder betont, muß allerdings mit Entschiedenheit, Selbstbewußtsein und Autorität durchgesetzt werden, in allen Teilen der Stadt und allen Milieus. Parallelgesellschaften entstehen, ganz unabhängig von der Religionszugehörigkeit oder der ethnischen Herkunft ihrer Bewohner, immer dort, wo das Recht nichts gilt. Frau Ates weiß das besser als die meisten. Daß sie ihre Kanzlei nun dennoch schließt, ist nur ein Zeichen dafür, wie verzweifelt die Lage bereits ist. "Dramatisch" hat der Vorsitzende des Berliner Anwaltsvereins denn auch die Entscheidung von Seyran Ates genannt. Das ist ein treffendes Wort. wfg
Text: F.A.Z., 04.09.2006, Nr. 205 / Seite 33
