25. September 2008 Die Welt begegnet Frank-Walter Steinmeier jetzt anders. Vor einem Jahr wurde er, nur Außenminister, öffentlich bloß wahrgenommen, weil er beschimpft wurde in New York. Da war Bundeskanzlerin Angela Merkel schon wieder auf dem Heimflug, geehrt als Weltstaatsfrau und gefeiert für ihren ersten Auftritt vor der UN-Vollversammlung. Ihr Unterhändler Steinmeier blieb zurück – zum Scherbenkehren.
Ihn stauchten die Chinesen zusammen, weil Frau Merkel nur wenige Tage zuvor den Dalai Lama im Bundeskanzleramt empfangen hatte. Ihn ließen die Amerikaner spüren, dass er ihnen als Relikt aus den unseligen Schröder-Tagen gelte; als einer, dem nicht wirklich zu trauen sei als Freund im Kampf gegen den Terror auf der Welt.
Nun ist Steinmeier Vice-Chancellor“ und vor allem: Candidate for the Chancellorship. Fast jeder der Präsidenten, Regierungschefs und Außenminister mit denen er sich zum direkten Gespräch trifft, spricht ihn auf die Kanzlerkandidatur an. Der polnische Kollege wünscht alles Gute, der Norweger klopft ihm die Schulter und Europas Außenbeauftragter Solana umarmt ihn diesmal wohl besonders fest. Selbst Amerikas Außenministerin beglückwünscht ihn – mitleidig, so will es Steinmeier vorkommen.
Nirgends ein schlechter Satz über die Kanzlerin
Rotwein wird ausgeschenkt im 23. Stock der deutschen UN-Vertretung in New York. Deutschland hat zum alljährlichen Essen die Staatslenker der Afrikanischen Union geladen. Das ist praktisch, denn bei dieser Gelegenheit kann der Außenminister mit ihnen über Entwicklungspolitik sprechen ohne weit zu reisen. Südafrika trennen von Somalia hier nur drei Stühle. Steinmeier geht von Tisch zu Tisch, klopft kräftig die Schultern der schwarzen Regierenden. Die haben das auch genau registriert“, sagt er hinterher, gefragt nach seiner Kandidatur.
Steinmeier spricht von der amerikanischen Finanzmarktkrise, preist Afrikas neue wirtschaftliche Dynamik“ und verspricht weitere deutsche Unterstützung. Der ukrainische Präsident Juschtschenko will es von Steinmeier offenbar genau wissen: Wie geht es nun weiter in der deutschen Politik, nachdem Bundeskanzlerin und Außenminister Gegner sind?
Steinmeier, so berichtet hinterher jemand aus seiner Mitschrift, habe abgewunken. Nach der Landtagswahl in Bayern werde die jüngste Aufregung vorbei sein. Nirgends in den internationalen Begegnungen lässt der Vizekanzler einen schlechten Satz über Frau Merkel fallen. Gute Sätze über ihn selbst geben seine Leute reichlich wider.
Steinmeier wird in Stellung gebracht
Diejenigen, die so etwas durchaus glaubwürdig berichten, sorgen auch vor dem UN-Hochhaus für ein gutes Bild ihres Chefs. Steht der Minister richtig?“, werden die Kameramänner und Fotografen von Steinmeiers Pressechef gefragt. Bitte dorthin sprechen, damit das UN-Gebäude im Hintergrund zu sehen ist“, weist er seinen Minister an. Irgendwo stand zu lesen, nun bemühe sich das Auswärtige Amt besonders darum, Steinmeier in Stellung“ zu bringen. Ach was, widersprechen sie in Steinmeiers Stab. Das werde jetzt wegen der Kanzlerkandidatur wild hineininterpretiert. Es gehe wie zuvor auch um die deutsche Außenpolitik.
Lange vor seiner Kandidatur schon hatte Steinmeier das Erdbebengebiet in Chinas Provinz Sichuan besucht. Da baten die Kameraleute um symbolträchtige Aufnahmen vor Trümmern. Doch sie wurden nur in eine blitzblanke Barackensiedlung geführt, bekamen selbst im Notkrankenhaus des Deutschen Roten Kreuzes, das Steinmeier besuchte, keine Verletzten zu sehen. Der Minister betreibe keinen Katastrophentourismus, rechtfertige sein Amt die harmlosen Bildhintergründe. Er sei gekommen, um deutsche Hilfe zu überbringen.
Diesmal besucht Steinmeier mit Fotografen im Tross wieder ein Erdbebengebiet, und zwar das Epizentrum: An der Wall Street weht die deutsche Fahne. Der Haupteingang der New Yorker Börse ist schwarz-rot-gold beflaggt für den Gast. Von einem Live-Ticker“ flackern wie ein Herzfrequenzmesser die aktuellen Kurse hinter inzwischen unheimlichen Banken-Kürzeln: ADM. . ., BAC,. . . JPM. . .“. Steinmeier will sich das Treiben auf dem Parkett anschauen. Der Börsenchef höchstselbst führt ihn, erzählt begeistert von seinen deutschen Vorfahren und der jährlichen Steuben-Parade. Es ist Mittag, einige Börsianer kauen Pizza, von Aufregung keine Spur. Einer aus Steinmeiers Mannschaft will die Frage eines Händlers gehört haben, ob das da der deutsche Kanzler sei.
Wäre die Welt nicht aus den Fugen...
Steinmeier war noch nie in der wichtigsten Börse der Welt. Ihm kommt sie erstaunlich klein und schäbig vor. Steinmeier fragt den Börsenchef, was er denn von dem Argument halte, dass die Gewinne stets von den Banken eingestrichen worden seien, nun aber die Verluste sozialisiert würden. Die Antwort könnte seine eigene sein: Der Steuerzahler sei so oder so dran; würde der Staat die Märkte jetzt nicht retten, käme später alles noch viel schlimmer - und teurer.
Wäre die Welt nicht aus den Fugen, würde Steinmeier der Stimmungswandel im Kernland des freien Marktes sichtbar amüsieren. Als alter Jungsozialist, der die Genossen Stamokaps immer für Spinner hielt, hätte er sich nicht träumen lassen, dass ausgerechnet Amerika einmal eine Art Staatsmonopolkapitalismus fordern würde. Vor den Kameras spricht der Minister ernst: Ohne Alternative“ sei das Rettungspaket der amerikanischen Regierung. Darauf könne man aufbauen, um ein gemeinsames internationales Vorgehen zu erreichen, was umso dringender sei, weil Länder wie China und Russland zunehmend unter den Fernwirkungen der Wall Street litten. Man müsse zu gemeinsamen Regelungen kommen“ und eine internationale Aufsicht schaffen, die neue Finanzprodukte auf Risikovorsorge hin überprüft.
Der Kandidat meidet Merkels Forschheit
In der New York Times“ konnte Steinmeier lesen, wie Bundeskanzlerin Merkel die amerikanische Regierung anging. Sie sei vor zwei Jahren auf taube Ohren im Weißen Haus gestoßen mit der deutschen Forderung nach mehr Finanzmarktkontrolle. Amerika streiche die Gewinne ein, die Verluste trage nun die ganze Welt, soll sie auch noch gesagt haben.
Steinmeier meidet diese Forschheit. Er fürchtet, dass ganz andere Kapitalismuskritiker in Deutschland links von ihm Stimmen mit diesem Thema holen könnten. Zwar verweist er auch auf die rechtzeitigen Warnungen Deutschlands, aber meidet griffige Sätze. Ob das im Bundestagswahlkampf ein Rolle spielen werde, wird the Candidate“ Steinmeier auf einer Podiumsdiskussion der New York State Universität gefragt. Ich glaube nicht“, antwortet der.
An diesem Freitag wird Steinmeier für Deutschland vor der UN-Vollversammlung sprechen. Es wird da wohl schon dunkel sein in New York und tiefste Nacht in Deutschland. Für ihn aber ist der Termin bestens gewählt. Auf den Tag genau vor 35 Jahren sprach am selben Ort erstmals sein großer Vorgänger Willy Brandt. Der aber war damals nicht mehr Außenminister, sondern schon Kanzler.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa