CSU

Seehofer und sein Talentschuppen

Von Stephan Löwenstein und Konrad Mrusek, Berlin

Seehofer stellt Ministerin Aigner vor - im Hintegrund  Peter Ramsauer

Seehofer stellt Ministerin Aigner vor - im Hintegrund Peter Ramsauer

31. Oktober 2008 Eine Prognose scheint sich zu bestätigen: Die CSU wird in Berlin präsenter sein, um in Bayern künftig mehr zu glänzen. So rückte der neue Ministerpräsident Horst Seehofer am Freitag mit drei Leuten in die Bundespressekonferenz ein und brachte neben dem alten Haudegen Peter Ramsauer zwei Leute aus dem „Talentschuppen“ der Landesgruppe mit, um zu zeigen, dass die Partei jünger und weiblicher geworden ist: Ilse Aigner für das Bundeskabinett und Karl-Theodor zu Guttenberg als Generalsekretär für die Partei.

Wer glaubt, die CSU wolle den Querulanten spielen und sich nun nur noch als Wadenbeißer gerieren, den wollte Seehofer eines Besseren belehren. „Es wird keine Haudrauf-Politik geben, wir wollen den Wettbewerb mit Argumenten führen. Doch wir bleiben Mitglieder des Vereins für deutliche Aussprache.“

Michael Glos fehlte. Doch dass der Bundeswirtschaftsminister zur Berliner Führungsriege gehöre, das wollte Seehofer keineswegs in Frage gestellt wissen. „Keine Debatte“ sei das, versicherte Seehofer und verwies darauf, dass Glos am Vorabend dabei gewesen sei, als mit der CDU-Führung eine gemeinsame Haltung der Unionsparteien zum Thema Erbschaftsteuer festgelegt wurde.

„Waden schmecken mir nicht“

Launig und aufgeräumt präsentierte sich diese Riege. Heimischer auf dem Hauptstadtparkett als die Vorgänger, so sollte wohl der Subtext lauten: Anders als Erwin Huber, der als Parteivorsitzender aus München zu den Koalitionsrunden anzureisen hatte und (ähnlich wie Kurt Beck bei der SPD) immer etwas fremd wirkte; und anders als Christine Haderthauer, die ihre Aufgaben als Generalsekretärin ausdrücklich zunächst einmal in Bayern sah. Huber und Haderthauer wählten vor einem Jahr für ihren ersten Auftritt die bayerische Trutzburg in Berlin als Laufsteg in der preußischen Fremde: die Landesvertretung des Freistaats.

Guttenberg präsentierte sich der Bundespressekonferenz als weltgewandter Feingeist. Er werde sich auch weiterhin zu Themen der Außen- und Sicherheitspolitik äußern, kündigte er an. Seehofer unterstützt das. Für einen Generalsekretär sei es nicht verkehrt, wenn er nicht nur in Bayern und Deutschland zu Hause sei, sondern auch von den Vorgängen in der Welt etwas verstehe. Besonders aber schätze er an dem Freiherrn den „dialogorientierten Ansatz in der Politik, lobte Seehofer, und Guttenberg versicherte, das „Holzen, Rumpeln und Poltern“ liege ihm ebenso wenig wie das Wadenbeißen - „Waden schmecken mir nicht“.

Prompt musste Ramsauer sich fragen lassen, ob auch er der neuen Generation der Vegetarier zuzurechnen sei. Doch der mochte schon die Frage gar nicht verstehen. Er verwies lieber darauf, dass er schon immer ein großer Förderer von Nachwuchstalenten in der Fraktion gewesen sei, auch wenn ihm das den Unmut der Älteren bisweilen eingetragen habe.

Der Autorität des Alten beugen

Seehofer ist zwar sichtlich stolz auf seinen Talentschuppen, doch wer zur jungen Garde gehören will, der muss den Übervater akzeptieren, darf nicht einmal mit kessen Worten aufmucken. Das war besonders gut zu beobachten am Auftritt von Frau Aigner: Gab es heikle Fragen - etwa zur Gentechnik - zu beantworten, schaltete sich Seehofer ungefragt ein. Der jungen Agrarministerin blieb aber auch nicht viel übrig, als sich der Autorität des Alten zu beugen, denn sie erfuhr erst am Donnerstagmorgen, und damit kaum früher als die Öffentlichkeit, dass sie in Berlin dieses Amt bekommt.

Also hatte die 43 Jahre alte Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Starnberg, die sich bisher vor allem mit Forschungspolitik beschäftigte, nicht viel Zeit, um sich für den Auftritt mit dem Chef wenigstens ein paar Sätze aufschreiben zu lassen von einem Ministerium, das keineswegs nur mit den Bauern und ihren Milchpreisen zu tun hat, sondern auch für gesunde Ernährung und den Schutz der Verbraucher vor Telefonterror und Finanzjongleuren zuständig ist.

„Ich weiß, ich trete in große Fußstapfen“, sagte die neue Ministerin und blickte lächelnd Seehofer an. Der reagierte wie immer schlagfertig: „Größe 46“. Der einzige am Tisch, der am wenigsten lachte und in diesem Kreis auch am meisten fremdelte, war Peter Ramsauer. Wie dominant die Rolle des CSU-Chefs selbst in der Amtsführung des Agrarministeriums sein dürfte, das machte Frau Aigner in wenigen Sätzen deutlich: Sie will nicht nur die beiden Parlamentarischen Staatssekretäre aus Seehofers Ära übernehmen, sie wird wohl auch in der grünen Gentechnik - und das ist die größte Überraschung - der Linie ihres Vorgängers folgen.

Bisher galt Frau Aigner als fortschrittsfreundlich, vertrat sie zum Beispiel in der Stammzellendebatte keine wertkonservativen Positionen, sondern plädierte für weitreichende Freiheiten der Forschung. Doch von dieser liberalen Position will Aigner offenbar in der grünen Gentechnik abweichen und sich dem vorsichtigen und eher konservativen Kurs von Seehofer annähern. Auch sie befürwortet gentechfreie Regionen, sieht also keinen Widerspruch darin, dass etwa die Bayern auf diese Technik verzichten, die Brandenburger aber genetisch veränderten Mais anbauen. „Das ist praktizierter Föderalismus“, schaltete sich sofort Seehofer ein. Europa solle über die Zulassung von Gentechnik befinden, jede Region aber selbst über den Anbau entscheiden.

Seehofer wurde auch innerhalb der Union gelegentlich vorgeworfen, er habe als Minister zu sehr auf die Bauern gehört und zu wenig den Verbraucherschützer herausgekehrt, wie es seine grüne Vorgängerin Renate Künast so virtuos vorgemacht hatte. Die CSU besetzt das Ressort nun ebenfalls mit einer Frau, doch dass Ilse Aigner eine konservative Künast wird, ist nicht zu erwarten. Auf die Frage, ob sie sich eher als Landwirtschafts- oder mehr als Verbraucherministerin sieht, antwortete Frau Aigner: „Ich will beides sein.“ Ähnlich hätte es auch Seehofer gesagt, denn dieser politische Pfiffikus wollte sich nie festlegen, bevor er nicht wusste, wo die Mehrheiten zu holen sind.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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