Khaled El Masri

„Seiner nicht mehr Herr“

Von Albert Schäffer, München

Derzeit wird geprüft, ob El Masri überhaupt schuldfähig ist

Derzeit wird geprüft, ob El Masri überhaupt schuldfähig ist

19. Mai 2007 Es ist kein gewöhnliches Anwaltsschreiben gewesen, das im vergangenen Monat das Berliner Kanzleramt erreichte. Mit Datum vom 26. April 2007 beschwor der Rechtsbeistand des Entführungsopfers Khaled El Masri die Kanzlerin, seinem Mandanten doch die „bestmögliche Psychotherapie“ zu ermöglichen. El Masri, ein deutscher Staatsbürger, der im Jahr 2004 in einem afghanischen Gefängnis vier Monate lang von amerikanischen Geheimdienstagenten festgehalten und misshandelt wurde, sei „verzweifelt und seiner nicht mehr Herr“; der innere Druck, unter dem El Masri stehe, sei „ungeheuerlich.“

Das Schreiben, unter dem Vermerk „persönlich/vertraulich“ an die Kanzlerin gerichtet, führte zu einer schnellen Reaktion, gemessen an den Maßstäben einer verwalteten Welt, in der aus jedem Schriftstück zunächst ein Vorgang mit einem Aktenzeichen geformt werden muss. Es wurde an die bayerische Staatskanzlei weitergeleitet; El Masri wohnt in Neu-Ulm, einer Stadt im Westen des Freistaats. Anfang dieser Woche wurden mehrere Ministerien zur Stellungnahme aufgefordert. Doch parallel zu diesem Verwaltungshandeln lief schon eine andere Zeitrechnung - die ganz persönliche El Masris.

Drohbriefe verschickt

Anwalt Gnjidic (rechts) über El Masri: “Er entgleitet jetzt“

Anwalt Gnjidic (rechts) über El Masri: "Er entgleitet jetzt"

Er fuhr nach den bisherigen Ermittlungen in den Morgenstunden des Donnerstags mit seinem Wagen zu einem Großmarkt in Neu-Ulm, rammte das Eingangstor und legte einen Brand; der dadurch verursachte Schaden wird auf 500.000 Euro geschätzt. Vorausgegangen war eine Auseinandersetzung mit dem Großmarkt über einen defekten MP3-Spieler - ein alltäglicher Vorgang, bei dem sich allerdings El Masri in einer Weise verhalten haben soll, die erklärt, warum sein Anwalt im Schreiben an die Kanzlerin die Formulierung wählte, sein Mandant sei „seiner nicht mehr Herr“. El Masri soll eine Mitarbeiterin bespuckt und Drohbriefe verschickt haben.

Es war schon zu diesem Zeitpunkt ein El Masri, der so ganz anders war als der Mann, als den ihn manche Neu-Ulmer kannten - nämlich umgänglich und auf Formen bedacht. Und so anders als der Mann, der im vergangen Jahr mit großer Beherrschung einem Untersuchungsausschuss des Bundestags schilderte, wie er nach seiner Verschleppung durch CIA-Mitarbeiter in einem afghanischen Gefängnis bedroht und geschlagen worden sei, wie er gehungert und kaum geschlafen habe, immer gepeinigt von Ängsten, seine Familie nicht mehr wiederzusehen.

Übererregt, reizbar und mit Wutausbrüchen

Wer diese Schilderung im Ohr hatte, den konnte allerdings der Wandel El Masris nicht unvorbereitet treffen. Die Fallgeschichten von traumatisierten Folteropfern sind oft gekennzeichnet von Übererregungen, von Reizbarkeit und Wutausbrüchen. Die während der Misshandlung erfahrene Ohnmacht kann Reaktionen hervorrufen, die weit über den Anlass hinausgehen. Schon im Januar hatte El Masri einen Mitarbeiter einer Weiterbildungseinrichtung geschlagen, als dieser ihm Vorhaltungen wegen Fehlzeiten machte.

Wurde El Masri in seiner Not keine angemessene psychotherapeutische Unterstützung zuteil, wie es der Hilfeschrei seines Anwalts an die Kanzlerin nahelegt? Die Antwort ist nach dem derzeitigen Kenntnisstand nicht einfach. El Masri wurde seit Februar vergangenen Jahres ambulant in einem „Behandlungszentrum für Folteropfer“ in Ulm, der Nachbarstadt von Neu-Ulm, therapiert. Es ist eine gemeinnützige Einrichtung, die von einem Trägerverein unterhalten wird, gegründet, um traumatisierten Opfern der Kriege im ehemaligen Jugoslawien zu helfen.

„Retraumatisierender Druck“

In diesem Zentrum wird versucht, in vierzehntägigen Doppelstunden mit den Mitteln der Verhaltenstherapie das Leid der Patienten zu mildern. Die Einzelheiten der Therapie El Masris unterliegen der Schweigepflicht der behandelnden Therapeuten; unübersehbar sind aber die besonderen Schwierigkeiten, die sich bei seiner Behandlung stellten. El Masri war im Vergleich zu anderen Folteropfern einem außergewöhnlichen öffentlichen Druck ausgesetzt, für den die Bewertung als „retraumatisierend“ möglicherweise noch beschönigend ist.

In diesem Großmarkt entstand durch Brandstiftung ein Schaden von rund 500.000 Euro

In diesem Großmarkt entstand durch Brandstiftung ein Schaden von rund 500.000 Euro

El Masri berichtete seine erschütternden Erfahrungen in dem afghanischen Gefängnis eben nicht nur Therapeuten, sondern auch den Abgeordneten des Untersuchungsausschusses des Bundestags, die ihn in der Manier eines Kreuverhörs bedrängten. Und er wurde in Spanien von einem Richter des Nationalen Gerichtshofs verhört - von Palma de Mallorca kam nach den bisherigen Ermittlungen das Flugzeug mit den CIA-Agenten, die El Masri nach Afghanistan entführten.
Bei einer solchen Parallelität zwischen therapeutischen Bemühungen und öffentlichem Druck dürfte zumindest im Ulmer Behandlungszentrum kaum mehr möglich gewesen sein als ein Versuch, El Masri zu stabilisieren und sein Stressniveau zu verringern.

Die Frage, ob es in anderen Einrichtungen andere Möglichkeiten gegeben hätte, wie es der Anwalt El Masris in seinem Schreiben an die Kanzlerin nahelegte, ohne sie allerdings genau zu benennen, wird noch zu klären sein - auch durch die juristischen Instanzen, die über die Schuldfähigkeit El Masris zu befinden haben. Nach der Brandstiftung ist El Masri noch auf dem Gelände des Großmarkts festgenommen und auf Grund einer richterlichen Anordnung in ein psychiatrisches Bezirkskrankenhaus eingewiesen worden; am Freitag machte er zunächst keine Angaben zur Sache. Sollte sich bei seiner Begutachtung herausstellen, dass er die Tat im Zustand einer verminderten oder aufgehobenen Schuldfähigkeit begangen hat, wäre dies eine weitere bittere Wahrheit in einem Fall, bei dem ohnehin vieles, das in einem Rechtstaat für selbstverständlich gehalten wird, in Frage gestellt worden ist.

Text: F.A.Z,
Bildmaterial: ddp

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