CSU-Parteitag

Stoibers letzte Show

Von Eckart Lohse, München

Eine schwierige Phase der CSU-Geschichte geht zu Ende

Eine schwierige Phase der CSU-Geschichte geht zu Ende

30. September 2007 Um 14.34 Uhr am Samstagnachmittag geht in München eine der schwierigsten Phasen der CSU-Geschichte zu Ende. Mit mehr als 58 Prozent wurde der bisherige bayerische Wirtschaftsminister Erwin Huber im ersten Wahlgang zum neuen Vorsitzenden gewählt. Das Ende der Ära Stoiber, auf das nicht zuletzt Huber so lange gewartet hat, ist endgültig. Dennoch liegt eine gewisse Schwere über dem Geschehen - Befreiung und Aufbruch fühlen sich anders an.

Das liegt nicht zuletzt an der Bewerbungsrede des neuen Vorsitzenden, die der sich unter fortwährendem Recken der Hände Richtung Hallendecke in zwanzig Minuten abringt. Erwin Huber beteuert, wie gut die CSU dastehe, dass sie nicht neu erfunden werden müsse, sondern mit dem Bewährten fortfahren könne. An Stoiber richtet Huber fortwährend seinen Dank, etwa für das „hervorragende Fundament“, das der scheidende Vorsitzende der neuen Führung hinterlassen habe.

Erwin Huber (Mitte) übernimmt das Ruder

Erwin Huber (Mitte) übernimmt das Ruder

Sichtlich erleichtert tritt Huber nach der Wahl ans Mikrophon, und als wolle er sich für die Beteiligung am Sturz des Patriarchen entschuldigen, schlägt er diesen sogleich zum Ehrenvorsitzenden der CSU vor, dem ersten in der Parteigeschichte. Wenige Minuten später stimmt der Parteitag diesem Vorschlag zu, obwohl formal erst die Wahl der stellvertretenden Vorstandsmitglieder hätte beendet werden müssen.

Zwei Frauen, die einander kaum kennen

Dieses ist nicht der Parteitag von Erwin Huber, auch nicht der des bayerischen Innenministers Günther Beckstein, der am Vormittag erwartungsgemäß zum Kandidaten für Stoibers Nachfolge im Amt des bayerischen Ministerpräsidenten gewählt wurde und vom 9. Oktober an den Freistaat regieren soll. Es ist der Parteitag des Edmund Stoiber, dem es in diesen beiden Tagen (wie oft wohl noch?) gelingt, sich seiner Partei aufzudrängen, zwei mehr als einstündige Grundsatzreden zu halten, den Delegiertenabend am Freitag in eine gigantische Feier seines Geburtstags umzuwandeln, und der noch dazu in jeder zweiten Rede über den Klee der bayerischen Wiesen gelobt wird.

So blass die zwei Neuen bleiben, so bemerkenswert sind die Auftritte der beiden Frauen, über die das Mannsbild Stoiber am Ende seiner politischen Laufbahn gestürzt sein wird. Zwei Frauen, die einander kaum kennen, außer aus dem Fernsehen oder der Zeitung, und die einander zumindest räumlich noch nie so lange so nah waren, wie auf diesem Parteitag in München.

Die eine ist auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Sie ist Bundeskanzlerin und wird von Stoiber die „liebe Angela“ genannt. Die andere ist zumindest vorläufig auf dem Tiefpunkt ihrer politischen Laufbahn angekommen. Sie wird von Stoiber kein einziges Mal, geschweige denn mit dem Namen, angesprochen. Gabriele Pauli, die Landrätin aus Fürth, hält auch eine Bewerbungsrede am Samstagnachmittag, will schließlich Vorsitzende werden, bekommt aber nur 24 von 961 abgegebenen Stimmen.

Immerhin zeigt Frau Pauli noch am Samstagvormittag, kurz vor der Wahl, dass sie gelegentlich ein Gespür dafür hat, wie der politische Konkurrent in die Enge gedrängt werden kann. Nachdem Beckstein seine Rede zur Bewerbung um die Ministerpräsidenten-Kandidatur gehalten hat, erbittet Frau Pauli das Wort. Es wird vollkommen still im Saal, als sie sagt: „Günther, Du und ich, wir haben eine gemeinsame Geschichte.“

Der „liebe Günther“ schweigt

Bemerkenswert sind zwei Frauen: Gabriele Pauli...

Bemerkenswert sind zwei Frauen: Gabriele Pauli...

Sie erinnert an die Zeit Ende 2006 und Anfang 2007, als die Stoibers längst Überdrüssigen in der CSU - auch Beckstein - das empörte Anrennen Frau Paulis gegen Stoiber gern aufgenommen hatten, um endlich die Kraft zu finden, den Vorsitzenden zu stürzen. Frau Pauli fordert Beckstein - „lieber Günther“ - dazu auf, er solle ihr erklären, warum er nach all diesen Ereignissen die Meinung äußere, sie gehöre zum Psychiater.

Der „liebe Günther“ schweigt, lässt sich erst mit wuchtigen 96,59 Prozent zum Kandidaten wählen, bevor er seine Sprache wiederfindet, die Wahl annimmt und fairen Umgang mit Kritikern verspricht. Frau Pauli bietet er ein persönliches Gespräch an (das diese später annimmt), obwohl einige ihrer Forderungen „völlig unverständlich“ seien. Applaus im Saal, wohl auch deswegen, weil eine heikle Situation zumindest oberflächlich entschärft ist.

... und Angela Merkel

... und Angela Merkel

Ihre Wahlniederlage am Samstag kann die Landrätin Pauli nicht überrascht haben. Am Freitag, als die CSU über ihr neues Grundsatzprogramm berät oder besser gesagt, nach einigen flüchtigen Einwänden der so genannten Parteibasis (bei der es sich in Wirklichkeit um den mittleren Funktionärsbau handelt) erwartungsgemäß abnickt, versucht sie es mit zwei Änderungsanträgen und erlebt dann, wie die CSU mit Aufmüpfigen umgeht. Werden Frau Paulis Anträge behandelt, so ruft die Sitzungsleitung „die Antragstellerin“ zur Stellungnahme auf; ihr Name scheint tabu. Zur Gegenrede - etwa beim Türkeiantrag - wird der Vorsitzende der CSU-Gruppe im Europäischen Parlament und CSU-Bezirksvorsitzende Schwaben, Ferber, mit den Worten „lieber Markus“ ans Mikrophon gebeten.

Frau Pauli lässt sich nicht erschüttern

Es geht Frau Pauli einmal um die Abschaffung des Ehegattensplittings, im zweiten Fall darum, das Nein zu einem EU-Beitritt der Türkei nicht gleich auf alle Ewigkeit im Grundsatzprogramm festzuschreiben, sondern an die heutige Situation zu knüpfen. Als abgestimmt wird, tritt die auf Parteitagen außerordentlich seltene Situation ein, dass in beiden Fällen nur eine einzige Stimme für den Antrag abgegeben werden - der Rest ist dagegen. Oder stimmt zumindest dagegen, schließlich war es eine öffentliche Abstimmung und jeder könnte sehen, wer sich mit der Abtrünnigen gemein macht.

Stoiber mit Ehefrau - einer muss ja ganz oben bleiben

Stoiber mit Ehefrau - einer muss ja ganz oben bleiben

Frau Pauli lässt sich dadurch nicht erschüttern, sucht jede Hand, die sie schütteln kann, als hätte sie zahlreiche Freunde im Saal. Als eine Reihe von Kameraleuten auf den Einzug der Kanzlerin wartet, nutzt sie schnell die Gunst der Minute, verlässt den Saal und kommt just auf der Merkel-Piste wieder zurück. Vielleicht filmt ja einer. Wenige Minuten später erscheint diejenige, auf die die Kameras eigentlich warten.

Ist Edmund Stoiber einige Stunden vorher noch ohne Musik und eher beiläufig in den Saal gekommen, so gibt es für die verspätete Kanzlerin dröhnende Beschallung und einen großen Bahnhof. Ihre mittelmäßige Rede wird eifrig beklatscht, als wären die Delegierten der CDU-Vorsitzenden dankbar, dass sie durch ihren Wahlsieg im Jahr 2005 einen Beitrag geleistet hat, den Über-Edmund nach all den Jahren in die bayerischen Geschichtsbücher zu schicken. Als der zuvor sprach, war die Aufmerksamkeit jedenfalls deutlich geringer, und die Delegierten zeigten sich herzlich unkonzentriert.

Die Lobhudeleien wollen kein Ende nehmen

Schließlich der Abend. Wie bei Parteitagen üblich kommen die Delegierten zum Essen und Reden zusammen. Doch diesmal ist es eine Geburtstagsfeier, denn es ist der Sechundsechzigste von Edmund Stoiber zu feiern. Die Delegierten, ob sie denn wollen oder nicht, müssen mehr als zwei Stunden Programm mit nicht enden wollenden Lobhudeleien über sich ergehen lassen. Markus Söder, der Generalsekretär, hat das für seinen Chef organisiert.

Nur einmal wird es recht amüsant. Es ist, als Angela Merkel eine wohlwollende, aber auch spitze Geburtstagsrede auf den Jubilar hält. Es wäre falsch, so sagt die Kanzlerin, zu behaupten, „wir hätten nur harmonische Stunden miteinander verbracht“. Dann gibt sie die Beleidigte, weil Stoiber kürzlich zuhause den einstigen Kanzler Gerhard Schröder empfangen habe. Unter Anspielung auf ihr Treffen mit Stoiber, bei dem sie ihm 2002 die Kanzlerkandidatur angeboten hatte, sagte sie: „Unser Frühstück in Wolfratshausen schien mir ziemlich einzigartig. Nun bin ich nicht mehr so sicher.“ Johlen der CSU-Delegierten.

Um kurz nach zehn steht Stoiber auf der Bühne, seine Frau Karin neben ihm. Er dankt mal wieder der „lieben Angela“. Und als seine Frau ihm zuraunt, er solle sich kurz fassen, sagt er empört: „Nein, das kann ich nicht kurz machen.“ Doch so sehr er geschmeichelt ist durch die viele Zeit, die die Bundeskanzlerin sich für ihn nimmt, am nächsten Tag wird klar, dass er zwischen den Frauen, die ihm gefährlich werden können, und denjenigen, die ihm helfen, zu unterscheiden weiß.

Am Ende seiner zweiten Abschiedsrede, die im Gegensatz zum politischen Vermächtnis vom Freitag eher ein persönliches ist, wendet er sich am Samstag seiner Gattin zu, für die er ab jetzt angeblich mehr Zeit haben will. Er verwendet einen Begriff, der eigentlich Frauen von Regierungschefs oder Präsidenten vorbehalten ist: „Du wirst immer meine First Lady sein.“ Einer in der Familie muss ja ganz oben bleiben.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa, REUTERS

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