Kommentar

Erschüttert

05. Juni 2003 Bei seinem letzten fernsehöffentlichen Auftritt am Sonntag abend wirkte Jürgen Möllemann körperlich angeschlagen und politisch temperamentlos. Wahrscheinlich wissen nur diejenigen, die ihm am nächsten standen, was ihn da bewegte und bedrückte.

Jedenfalls sollte man nicht von vornherein ausschließen, daß die für diesen Politiker ganz ungewöhnliche Gedämpftheit auch andere Gründe hatte als diejenigen, die nun zusammenkombiniert werden aus den bekanntgewordenen Tatsachen: Aufhebung von Möllemanns Immunität als Abgeordneter, Durchsuchung seiner Wohnung in Münster und weiterer Privat- und Geschäftsräume an mehreren Orten im In- und Ausland.

Die an das Spektakelhafte grenzenden äußeren Umstände seines Todes bedienen noch einmal die Klischees über Möllemann, an deren Verfertigung und Verfestigung er selbst allerdings immerdar mitgewirkt hatte. Die Inszenierung von Eklats war ein Teil seines politischen Erfolgsrezepts, und er konnte davon selbst dann nicht lassen, wenn es zu seinem eigenen Schaden ausschlug - so war das schon bei seinem überstürzten Rücktritt als Wirtschaftsminister Anfang 1993, so war es zuletzt, als er sich anläßlich des berüchtigten Flugblattes in einen unseligen Streit über Antisemitismus verbohrte und sich völlig mit seiner Partei überwarf.

Wenn sich bestätigen sollte, daß Möllemann, der erfahrene Fallschirmspringer, Selbstmord begangen hat - aus welchen Gründen auch immer -, dann wäre da ein Leben mit fast schon schauerlicher Konsequenz zu Ende gebracht worden.

Als Politiker war Möllemann gescheitert; seine Versuche, die FDP zu spalten oder eine neue Partei zu gründen, waren von vornherein chancenlos gewesen, man hatte den Eindruck, er selbst nehme sie nicht wirklich ernst. Dennoch werden die Freien Demokraten von seinem Tod getroffen. Die Partei, vor allem ihre Führung, die den angeschlagenen Vorsitzenden Westerwelle stützte, wird vor sich selbst nicht um eine Antwort auf die Frage herumkommen, ob die Art und Weise fair war, wie man nach der verlorenen Bundestagswahl so gut wie alle Schuld auf dem kommoden Sündenbock Möllemann ablud. Das wird die Partei, die ohnehin ausgelaugt und führungslos wirkt, noch einmal erschüttern.

Text: Nm., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2003

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