Von Professor Dr. Renate Köcher
15. Juli 2008 Seit Monaten wird über die Veränderung der sozialen Schichten diskutiert, insbesondere über die Vergrößerung der Ober- und der Unterschicht zu Lasten der Mittelschicht. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Einkommens- und Vermögensentwicklung der Schichten. Die Frage aber, wieweit es schichtspezifische Befindlichkeiten und Wertvorstellungen gibt und mit der Verkleinerung der Mittelschicht ein bestimmtes bürgerliches Milieu schwächer wird, spielt kaum eine Rolle.
Daher geht eine Untersuchung, die von der Herbert Quandt-Stiftung ermöglicht wurde und im Herbst dieses Jahres ausführlich veröffentlicht wird, der Frage nach, wieweit empirisch zu belegen ist, dass es eine klar umrissene Mitte der Gesellschaft gibt, die materiell verhältnismäßig einheitlich ist und sich doch in ihrer Mentalität, Weltsicht und Wertvorstellung von anderen Bevölkerungskreisen unterscheidet - insbesondere hinsichtlich ihrer Bildungs- und Leistungsorientierung, ihrer Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement, ihrer Vorstellungen von einem gesunden Verhältnis von staatlicher Fürsorge und Eigenverantwortung sowie ihres Sicherheitsbedürfnisses und ihrer Risikobereitschaft.
Die Zufriedenheit ist gesunken
Die Studie belegt, dass sich in den verschiedenen Gesellschaftsschichten die Zufriedenheit mit der eigenen wirtschaftlichen Lage im letzten Jahrzehnt auseinanderentwickelt hat. Die Oberschicht zieht heute eine ähnliche Bilanz wie in den neunziger Jahren, doch die Zufriedenheit der Mittelschicht und besonders der Unterschicht mit den eigenen wirtschaftlichen Verhältnissen ist signifikant gesunken. Gerade die Mittel- und die Unterschicht werden zurzeit massiv von den Preissteigerungen für Energie, kommunale Abgaben und zunehmend auch für Lebensmittel getroffen, die Mittelschicht zudem durch die Steuer- und Abgabenprogression, die einen erheblichen Teil der aktuellen Einkommenszuwächse abschöpft. Dies erklärt, warum die große Mehrheit der Bevölkerung seit Monaten die Bilanz zieht, dass der aktuelle Aufschwung an ihr vorbeigeht.
Trotz dieser Einschätzung sind heute weite Teile der Bevölkerung aufgrund der guten Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre in einer wesentlich gefestigteren Lage. Dies prägt die Einschätzung der Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes und der eigenen ökonomischen Aussichten. Die Mehrheit der Berufstätigen aus der Mittelschicht bewertet ihren Arbeitsplatz jetzt als sicher, nur knapp jeder Fünfte als unsicher. Das Sicherheitsgefühl der Mittelschicht ähnelt nun weitgehend dem der sozioökonomischen Oberschicht. Völlig anders fällt dagegen die Bilanz der Unterschicht aus, dort hält knapp jeder Zweite seinen Arbeitsplatz für unsicher.
Zu wenig Anerkennung für die eigene Leistung
Hinsichtlich der kommenden fünf bis zehn Jahre nimmt jedoch in allen sozialen Schichten zurzeit rund ein Viertel der Berufstätigen an, dass sich ihre materielle Lage verbessern wird. 12 Prozent aller Berufstätigen, 10 Prozent der Mittelschicht rechnen hingegen mit einer Verschlechterung, knapp die Hälfte mit einer stabilen Lage. Die Belastung durch indirekte und direkte Steuern und staatliche Abgaben führt jedoch quer durch alle sozialen Schichten heute zu dem Eindruck, in erster Linie für den Staat zu arbeiten. Dies ist kein besonderes Merkmal der Mittelschicht, sondern ist in der Unterschicht noch ausgeprägter als in der Mittelschicht: 67 Prozent aller Berufstätigen, 71 Prozent der Arbeitnehmer aus den unteren Sozialschichten haben wegen der Steuer- und Abgabenlast den Eindruck, in erster Linie für den Staat zu arbeiten.
Dieses Empfinden ist einer der Gründe für die in allen Schichten weitverbreitete Überzeugung, dass Leistung zu wenig Anerkennung findet. 71 Prozent der gesamten Bevölkerung, 73 Prozent der Berufstätigen aus der Mittelschicht beklagen eine Unterbewertung von Leistung. Eine der wichtigsten Formen der Anerkennung von Leistung ist die Chance des sozialen Aufstiegs. Besonders in den unteren Sozialschichten, in hohem Maße auch in der Mittelschicht ist sozialer Aufstieg ein wichtiges Ziel nicht nur für die eigene Entwicklung, sondern generationenübergreifend für die eigenen Kinder und Enkel.
Knapp die Hälfte der Mittelschicht-Eltern wünscht sich, dass es ihren Kindern später bessergehen soll als ihnen selbst, in der Unterschicht wünschen das 70 Prozent. Damit ist der Aufstieg in die Mittelschicht für die überwältigende Mehrheit der unteren Sozialschichten ein erstrebenswertes Ziel. Gleichzeitig ist die Skepsis weit verbreitet, dass die Gesellschaft ausreichend durchlässig ist. Zwei Drittel der unteren Sozialschichten, auch die Hälfte der Mittelschicht ist überzeugt, dass sozialer Aufstieg vor allem den Bevölkerungskreisen offensteht, die bereits ziemlich weit oben sind. Dass sozialer Aufstieg grundsätzlich für jeden möglich ist, glauben gerade mal ein gutes Drittel der Mittelschicht und nur 24 Prozent der Unterschicht.
Wunsch nach Eigenverantwortung hängt vom sozialen Status ab
Die Bereitschaft von Eltern, zugunsten der Chancen ihrer Kinder Opfer zu bringen, ist in allen Schichten groß. Diese Opferbereitschaft wird jedoch in hohem Maße durch weitverbreiteten Statusfatalismus konterkariert. Das gilt insbesondere für die untere Schicht, aber in beachtlichem Maße auch für die Mittelschicht. 59 Prozent der Berufstätigen aus der Unterschicht und auch 39 Prozent der Berufstätigen aus der Mittelschicht sind überzeugt, dass die Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft letztlich zementiert ist und die eigene Position durch eigene Leistung nur sehr begrenzt verändert werden kann.
Die Einschätzung, wie viel man durch eigene Initiative und Leistung bewegen kann, beeinflusst in hohem Maße die Vorstellungen von der Aufgabenverteilung zwischen Bürgern und Staat. Je größer das Vertrauen ist, die eigene Lage durch Leistung beeinflussen zu können, desto ausgeprägter ist die Präferenz für Bürgerfreiheit und einen zurückhaltenden Staat. Da das Zutrauen in die eigenen Kräfte wie auch das Gefühl der Abhängigkeit von der Unterstützung des Staates schichtgebunden sind, unterscheiden sich auch die Präferenzen in Bezug auf das Verhältnis von Bürger und Staat. Nur die Oberschicht bevorzugt mit absoluter Mehrheit, die Mittelschicht immerhin mit ausgeprägter relativer Mehrheit das Modell, bei dem die Bürger so viel Verantwortung wie möglich für sich übernehmen. In der Unterschicht wird dagegen mit klarer relativer Mehrheit der ausgreifende Staat favorisiert, der den Bürgern Verantwortung abnimmt.
Auffassungen der Mittelschicht
Viele Einzelheiten belegen, dass die Auffassungen der sozioökonomischen Mittelschicht eher der der Oberschicht ähneln als jener der Unterschicht. Der in der Unterschicht verbreitete Statusfatalismus führt in hohem Maße zur Abwendung von gesellschaftlichen Fragen, dergleichen ist so weder in der Mittel- noch in der Oberschicht zu beobachten.
Insgesamt kristallisieren sich spezifische Einstellungen der Unterschicht heraus, während die Erhebung wenig Belege für die Hypothese liefert, dass die sozioökonomische Mittelschicht hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Lage, ihrer Einstellungen und Weltanschauungen eine klar umrissene Gruppe bildet. Die sozioökonomische Lage grenzt das selbstbewusste Bürgertum nur unzureichend ab. Es lässt sich jedoch durch Merkmale abgrenzen wie Leistungsbereitschaft und Pflichtbewusstsein, soziales Engagement, die Überzeugung, dass möglichst viel Verantwortung von den Bürgern getragen werden sollte und diese daher auch dafür verantwortlich sind, wie sich das Land entwickelt. Diese gesellschaftliche Mitte rekrutiert sich überwiegend, aber nicht ausschließlich aus der sozioökonomischen Mittelschicht und ordnet sich auch in ihren politischen Orientierungen der gemäßigten Mitte zu.
Eine starke Polarisierung ist zu erwarten
Die Mitte hat weit überdurchschnittliches Vertrauen in die Aufstiegsmöglichkeiten und Durchlässigkeit der Gesellschaft und misst einer guten schulischen und beruflichen Bildung große Bedeutung bei. Die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der deutschen Gesellschaft werden von der gesellschaftlichen Mitte überdurchschnittlich unterstützt, mehr auch als von der lediglich sozioökonomisch bestimmten Mittelschicht. So halten 72 Prozent der engagierten gesellschaftlichen Mitte die Demokratie deutscher Prägung für die beste Staatsform, lediglich 13 Prozent glauben an eine überlegene andere Möglichkeit. Das Wirtschaftssystem verzeichnet zwar auch in der gesellschaftlichen Mitte überdurchschnittliche Akzeptanz, hat aber einen deutlich schwächeren Rückhalt als das politische System. Das marktwirtschaftliche System trifft zurzeit auf eine auffallende Skepsis - besonders in den unteren Sozialschichten, aber bis tief in die Mittelschicht hinein. Nur in der Oberschicht dominiert klar die Überzeugung, dass es zur Marktwirtschaft keine überzeugende Alternative gibt.
Die Schichtgebundenheit der Akzeptanz des marktwirtschaftlichen Systems wie generell von freiheitlichen Konzepten, die den Bürgern große Freiräume, aber auch mehr Verantwortung zuweisen, grenzt die Akzeptanz solcher Konzepte in der Gesellschaft insgesamt stark ein. Der zahlenmäßige Rückgang der Mittelschicht lässt befürchten, dass künftig eine schärfere Polarisierung zwischen dem Weltbild und den Wertvorstellungen von Ober- und Unterschicht die gesellschaftliche Entwicklung des Landes prägen wird, da die Mittelschicht als moderierende Kraft schwächer wird.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.