16. Juni 2003 An diesem Dienstag jährt sich die Niederschlagung des Aufstands gegen das SED-Regime vom 17. Juni 1953 zum fünfzigsten Mal. Mit Ausstellungen, Schweigeminuten und Gottesdiensten wird vor allem in Berlin und in den östlichen Bundesländern des Aufstands gedacht. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Wowereit (SPD), legte am Montag abend einen Kranz am Holzkreuz in Zehlendorf nieder, dem ältesten Gedenkort an den Aufstand.
Wie die Nachkriegsgeneration im Westen mit dem Volksaufstand umgegangen sei, halte er nicht für ein "Ruhmesblatt", dem Westen habe der 17. Juni bis zum Ende der DDR "nicht recht in den Kram" gepaßt, sagte Wowereit. Erst die friedliche Revolution von 1989 habe das Vermächtnis der "unvollendeten Revolution von 1953" eingelöst.
"Symbol der Zivilcourage
Die Kirchen würdigten den Volksaufstand in der DDR in einem gemeinsamen Text des Vorsitzenden des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, und Kardinal Karl Lehmanns, des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Der 17. Juni sei ein "Symbol der Zivilcourage und des Einsatzes für Menschenrechte". Die Kirchen hätten am 17. Juni "zwar nicht in der ersten Reihe der Aufständischen" gestanden, sie gehörten jedoch zu seinen "Wegbereitern", heißt es in dem gemeinsamen Text. Die Erinnerung an den Juni-Aufstand sei nicht nur vom Leiden an der Teilung Deutschlands geprägt, sondern auch von der Dankbarkeit für die seit ihrem Ende gewonnene "Einheit in Freiheit".
Der bayerische Ministerpräsident Stoiber (CSU) sagte, der 17. Juni werde "weiterhin ein nationaler Gedenktag" bleiben. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Eppelmann, der Vorstandsvorsitzender der Stiftung Aufarbeitung ist, wünscht, daß der 17. Juni wieder zum Gedenktag wird. Er gehöre zu den historischen Ereignissen, auf die Deutsche stolz sein könnten, sagte er.
Viele Opfer finanziell nicht entschädigt
Die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Birthler, sagte, die Erinnerung an den 17. Juni sei in Ost- und Westdeutschland ins gesellschaftliche Abseits gedrängt worden. Eine Meinungsumfrage ergab, daß eine Mehrheit der Deutschen den 3. Oktober als Feiertag behalten möchte. Nach einer anderen Umfrage wissen die meisten jungen Deutschen nicht, was am 17. Juni 1953 geschah. Opferverbände wiesen darauf hin, daß viele Teilnehmer an dem Aufstand bis heute materielle Nachteile dafür in Kauf nehmen, weil sie niedrigere Renten beziehen als ihre damaligen Verfolger.
Die Opferorganisation Help kündigten an, allen Regierungsveranstaltungen zum 17. Juni fernzubleiben. SPD und Grüne hatten eine Gesetzesinitiative der CDU/CSU abgelehnt, Verfolgten des SED-Regimes eine Rente auszusetzen. Bundespräsident Rau beklagte, daß viele Opfer finanziell nicht entschädigt wurden. Die Berliner Junge Union forderte, zum 50. Jahrestag des 17. Juni die Panzer vom sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten abzubauen. Der Aufstand war mit sowjetischen Truppen niedergeschlagen worden.
Text: mk. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2003, Nr. 138 / Seite 1
Bildmaterial: dpa/dpaweb