Bildungspolitik

Stiller Abschied von der Hauptschule

Die Schülerzahlen an den verbliebenen Hauptschulen sinken immer weiter

Die Schülerzahlen an den verbliebenen Hauptschulen sinken immer weiter

21. März 2007 Wenn der Name Vernor Muñoz Villalobos fällt, wird die ansonsten stets verbindlich lächelnde Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) äußerst schmallippig. Der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen (UN) hat sich mit harscher Kritik am gegliederten deutschen Schulsystem den Unmut der Bundesbildungsministerin und der Konferenz der Kultusminister der Länder zugezogen.

An diesem Mittwoch stellt Muñoz in Genf den Bericht über seine Deutschlandreise vor einem Jahr vor. Doch während Schavan darauf beharrt, dass die Aufteilung in Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien eine Erfolgsgeschichte sei, hat längst die Aufweichung des dreigliedrigen Systems begonnen.

„Die wahren Schulpolitiker sind die Eltern“

„Der Versuch, die Schulstrukturfrage zu tabuisieren, ist krachend in sich zusammengefallen, und zwar in allen Bundesländern“, konstatiert Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Nach einem jahrzehntelangen ideologischen Grabenkrieg zwischen Befürwortern und Gegnern der Gesamtschule freunden sich immer mehr Politiker mit dem Gedanken an, zumindest die zur „Restschule“ verkommene Hauptschule für ein zweigliedriges System abzuschaffen. Und Schleswig-Holstein macht sich als erstes Land auf den Weg zur Gemeinschaftsschule von Klasse 5 bis 10.

Tatsächlich ist die grundständige Hauptschule schon lange auf dem Rückzug; im Osten gibt es sie gar nicht. „Abschied von der Hauptschule“ betitelte schon 1989 der Bildungsforscher Ernst Rösner ein Buch. Er sieht zwei Gründe für den Niedergang der Schulform: „Die wahren Schulpolitiker sind die Eltern; sie haben mit ihrem Auswahlverhalten die Hauptschule zu einem Auslaufmodell gemacht.“

Immer weniger Eltern schickten ihre Kinder auf die Hauptschule, weil sie für sie einen höheren Schulabschluss anstrebten als sie selbst hätten, erklärt Rösner. Dazu komme dann noch der demographische Wandel mit schrumpfenden Schülerzahlen.

„Erweiterte Realschule“ und „Sekundarschule“

Noch gibt es die Hauptschule in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, vereinzelt in Hessen und Rheinland-Pfalz, sehr stark in Baden-Württemberg sowie in Bayern. In Nordrhein-Westfalen und Berlin umfasst sie verpflichtend eine zehnte Jahrgangsstufe, die mit einem erweiterten Hauptschulabschluss oder der Fachoberschulreife enden kann.

Rheinland-Pfalz führte vor zehn Jahren im ländlichen Raum die Regionalen Schulen mit Haupt- und Realschulzweigen ein, in Mecklenburg-Vorpommern ersetzen diese komplett die Hauptschule. Das Saarland hat die Hauptschule vor zehn Jahren durch die Erweiterte Realschule abgelöst, in der die Schüler ab der 7. Klasse auf Haupt- oder Realschulzweige aufgeteilt werden.

In Sachsen gibt es die Mittelschule, die sich in Haupt- und Realschulzweige gliedert, in Thüringen nennt sich das Ganze Regelschule, in Sachsen-Anhalt und Bremen Sekundarschule. In Brandenburg gibt es die Oberschule als Alternative zu Gymnasium oder Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe.

Integrierte Gesamtschule in Hessen

In Hessen wies Bildungsministerin Karin Wolff (CDU) jüngst einen Bericht zurück, demzufolge sie Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu einer Art integrierter Gesamtschule ohne gymnasialen Zweig zusammenfassen will. Frau Demmer von der GEW verweist allerdings darauf, dass Frau Wolff nicht eine Abschaffung des dreigliedrigen Systems dementiert habe, sondern nur eine Abschaffung des Bildungsgangs Hauptschule. Dieser bliebe aber in einer gemeinsamen Haupt- und Realschule erhalten.

Damit könnte es sein, dass Hessen inoffiziell an ähnlichen Plänen arbeitet wie Hamburg. Dort will die alleine regierende CDU ein zweigliedriges System aus Stadtteilschulen und Gymnasien einführen. Das Gymnasium soll in zwölf Jahren zum Abitur führen, die Stadtteilschule, in der die weiteren Schulformen aufgehen sollen, soll ein Abitur nach 13 Jahren anbieten.

„Immer mehr Eltern wollen Abitur für ihre Kinder“

Am revolutionärsten zeigt sich das gemeinsam von CDU und SPD regierte Schleswig-Holstein: Die SPD hat die Gemeinschaftsschule als Schule der Sekundarstufe I (Klasse 5 bis 10) durchgesetzt. In den Klassen 5 und 6 gibt es keine Unterscheidung nach Schulformen. Ab der siebten Klasse entscheidet jede Schule selbst, wie sie verfährt - mit einer Aufteilung mit intensiver Kooperation, mit einem fusionierten Haupt- und Realschulzweig neben einem gymnasialen Zweig oder mit einem kompletten Verzicht auf verschiedene Schulformen. Je nach Schülerzahl kann noch eine gymnasiale Oberstufe dazukommen. Daneben kann auch schon die Grundschule integriert werden.

Die Gemeinschaftsschule ist kein Schulversuch, sondern sie wird Bestandteil des Regelschulwesens. Um das Gymnasium zu retten, hat die CDU daher durchgesetzt, dass als Alternative zur Gemeinschaftsschule ab 2010 Haupt- und Realschulen verbindlich fusionieren. Laut Bildungsforscher Rösner, auf dessen Studie das Modell der Gemeinschaftsschule basiert, tendieren die Realschulen aber aus Angst vor einer Zukunft als fusionierte „Restschule“ mehr zum Aufgehen in Gemeinschaftsschulen.

Auch in den anderen Bundesländern brodelt es laut Rösner, etwa in Nordrhein-Westfalen, wo Teile der CDU-Landtagsfraktion der Gemeinschaftsschule aufgeschlossen gegenüberstünden, aber vom in dieser Frage konservativeren Koalitionspartner FDP ausgebremst würden. Rösner prognostiziert einen weiteren Verfall der Hauptschule, der auf die Realschule übergreifen werde, weil für beide Schulformen immer weniger Schüler übrig blieben. „In den Ballungsräumen werden wir daher relativ schnell zu einem zweigliedrigen System kommen, in den ländlichen Gebieten wird es eine starke Nachfrage nach Gemeinschaftsschulen geben, da immer mehr Eltern für ihre Kinder Abitur wollen.“

Text: AP
Bildmaterial: dpa

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