Gewalt an Berliner Schule

Merkel kritisiert Berliner Behörden

„Menschenverachtendes Verhalten” und Gewalt an der Rütli-Schule

„Menschenverachtendes Verhalten” und Gewalt an der Rütli-Schule

31. März 2006 Nach dem Brandbrief des Lehrerkollegiums wegen zunehmender Gewalt in einer mehrheitlich von Einwandererkindern besuchten Hauptschule im Berliner Bezirk Neukölln ist abermals eine Debatte über die Integrationspolitik in Deutschland, aber auch über die Hauptschule als Schulform ausgebrochen. Die zu mehr als 80 Prozent von arabischen und türkischen Kindern und Jugendlichen besuchte Rütli-Hauptschule steht seit Freitag unter Polizeischutz. Sechs Beamte in Streifenwagen boten Schülern zum Unterrichtsbeginn Gespräche über die eskalierende Gewalt an ihrer Schule an.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Maria Böhmer (CDU), ermahnte Schüler wie Eltern mit ausländischer Abstammung nach einem Besuch der Schule, Deutsch zu lernen. „Das Beherrschen der deutschen Sprache ist wichtig, damit auch mit den Eltern ein Gespräch geführt werden kann.“ Es sei dringend notwendig, daß man solche Schulen nicht alleine lasse, sagte Böhmer nach einem Treffen mit einer Klasse und der kommissarischen Leiterin der Schule. Die Leitungssituation an der Schule, die seit Schuljahresbeginn im Herbst keinen festen Direktor hat, hätte schneller geklärt werden müssen. Man müsse sich aber auch fragen, „ob es Schüler gibt, die nicht mehr gehalten werden können“.

Merkel fordert mehr Nationalstolz der Deutschen

Bundeskanzlerin Merkel (CDU) sagte mit Blick auf Schulsenator Böger (SPD), wer Briefe wochenlang herumliegen lasse, der habe nicht den Anspruch, daß gut über ihn gesprochen werde. Der SPD-Politiker hatte erklärt, er habe einen Hilferuf von Lehrern der Schule erst am Donnerstag erhalten, obwohl der Brief bereits Ende Februar an eine Außenstelle seiner Behörde geschickt worden war. Merkel kritisierte auch die Sicherheitsbehörden wegen der hohen Kriminalität in der Hauptstadt. „Das liegt daran, daß da auch viel Nachlässigkeit ist.“ Sie sprach sich für einen verstärkten Einsatz von Sprach- und Integrationskursen für Zuwanderer aus und forderte mehr Nationalstolz der Deutschen ein. „Es muß klar sein, daß in einer deutschen Schule ab der ersten Klasse im wesentlichen Deutsch gesprochen wird.“

Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Kauder, nahm die „dramatischen Vorfälle“ an der Berliner Rütli-Hauptschule zum Anlaß, seinen Vorschlag eines „nationalen Aktionsplans Integration“ zu wiederholen. Die Integration ausländischer Jugendlicher wird Thema der Klausur des Unionsfraktionsvorstands am Sonntag und Montag sein. Kauder richtete auch ein Schreiben an die Berliner Schule und lud einen Repräsentanten des Lehrerkollegiums ein, auf der Klausurtagung zu berichten. Der Unions-Fraktionsvorsitzende sagte, das Thema Integration müsse „endlich zu einer nationalen Angelegenheit“ werden. Der „wachsenden Desintegration“ dürfe nicht länger zugesehen werden; auch die „wachsende Kriminalität“ ausländischer Jugendlicher dürfe „nicht länger tabuisiert werden“. Bund, Länder und Kommunen müßten sich auf gemeinsame Ziele und Verantwortlichkeiten verständigen und sich Fristen zu deren Verwirklichung setzen.

Von der Leyen: Lösung nicht in der Schulform suchen

Bundesfamilienministerin von der Leyen (CDU) riet davon ab, die Lösung des Problems in einer Debatte über Schulformen zu suchen. Wichtig für Spracherwerb und Integration sei es, daß die Kinder schon in Kindergärten Zugang zu Bildung erhielten.

„Die frühe Integration in Kindergärten ist sicher ein Schlüssel, um Schwellen zwischen verschiedenen Migrationshintergründen abzubauen.“ Das gelte übrigens auch für den Austausch unter Eltern, die die Kinder in den Kindergarten bringen oder abholen. Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit (SPD) forderte die Schulaufsicht auf, verstärkt ihre Beratungsfunktionen wahr zunehmen. Es sei notwendig, „den einzelnen Schulen an den sozialen Brennpunkten jedwede nur mögliche Hilfestellung zu geben“, sagte Wowereit. Dazu gehöre mittelfristig auch, „daß an diese Schulen neue Lehrer kommen, die sich gut ausgebildet und motiviert den Anforderungen stellen“.

Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Hauptschule

Der Fall der Rütli-Schule wirft nach Ansicht Wowereits abermals die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Hauptschule auf. Deswegen bestehe grundsätzlicher Diskussionsbedarf, ob die kombinierte Haupt- und Realschule oder auch die Gesamtschule bessere Lösungen der Probleme anbieten könnten.

Bildungssenator Böger stellte bei einem Gespräch mit Vertrauenslehrern und Klassensprechern der Rütli-Hauptschule den kommisarischen Rektor für die Zeit bis zu den Sommerferien vor, der zuvor Direktor einer Hauptschule im Bezirk Reinickendorf war. „Nach meinem Besuch bin ich viel optimistischer, als ich es gestern nach dem Lesen des Briefes war“, sagte Böger, der nach eigenen Angaben über die Situation an der Schule nicht informiert war. Zugleich gestand er ein, Berlin habe bei der Integration und Bildung von Einwanderern noch viel Arbeit vor sich. Die Schule sei auf einem Weg, der „nicht einfach, aber erfolgversprechend“ sei. „Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist von großem Zutrauen gekennzeichnet.“ Allerdings gebe es in einigen Klassen Widerstand. Das hätten die Klassensprecher ihm mitgeteilt. Er habe nun die Sorge, daß die Schule so stigmatisiert würde, daß die Schüler keine Zukunftschancen mehr hätten.

Der für Hauptschulen zuständige Oberschulrat in der Bildungsverwaltung, Siegfried Arnz, sagte, die Klassensprecher hätten deutlich gemacht, daß eine Mehrheit der Schüler regulären Unterricht und respektvollen Umgang miteinander wünsche. Nur eine Minderheit sorge für aggressive Stimmung und Kriminalität. Die Schulleiterin der Rütli-Hauptschule ist seit Anfang des Schuljahres im Herbst krank und wird in den Ruhestand gehen.

Noch mehr Kritik an Bildungssenator Böger

Der Vorsitzende des Berliner Landeselternausschusses, Schindler, warf Böger Versagen vor. Er habe die Schulaufsicht nicht im Griff, Hilferufe der Schule seien nicht gehört worden. Als erste Maßnahme verlangte Schindler die Ausstattung der Schule „mit dem Personal, das sie in ihrer Krise braucht“. Ein Anti-Gewalt-Programm an der Schule müsse verbunden sein mit einem „Null-Toleranz-Programm“ (keine Duldung von Regelverstößen). Rädelsführer müßten von der Schule gewiesen werden, „um erst einmal Ruhe und Ordnung reinzubringen“. Die Schulpolitik und die Gesellschaft hätten es über Jahre versäumt, Grenzen zu setzen. „Auf diesem Auge sind wir blind geworden“, sagte Schindler. Wer das Verhalten von Einwanderern kritisiert habe, sei vor dem Hintergrund der geschichtlichen Belastungen Deutschlands schnell in die Nähe von Ausländerfeinden gerückt worden. „Das ist aber überhaupt nicht der Punkt in der jetzigen Krise“, sagte Schindler. Es gebe an der Rütli-Oberschule einen hohen Anteil an Einwandererkindern. „Diese wollen keine Integration, sie wollen lieber in Parallelgesellschaften bleiben. Deren Respektlosigkeit, besonders gegenüber Frauen, ist aber nicht tolerabel.“

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Meidinger, sprach sich gegen die Abschaffung der Hauptschulen aus, da dadurch die Probleme nur verlagert, aber nicht gelöst würden. „Das Grundproblem wird man nicht über die Schule lösen können“, sagte Meidinger. Die Schule könne nur einen Beitrag leisten. Als Ursache für die Zustände wie an der Rütli-Hauptschule nannte er die Perspektivlosigkeit, die Hauptschüler in Berlin und anderen Regionen hätten, sowie Integrations- und Generationskonflikte bei Einwanderern. Die Probleme könne man daher auch nicht durch die Auflösung der Hauptschulen lösen, auch wenn die Konflikte in dieser Ballung an anderen Schularten, etwa Gymnasien, sich nicht stellten. Meidinger forderte statt dessen eine bessere Förderung von Hauptschulen in Problemgebieten.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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