09. Juni 2008 Auf dem Geburtstagsfest des grünen Fraktionsvorsitzenden im Stuttgarter Landtag, Winfried Kretschmann, war der Europaabgeordnete Cem Özdemir in der vergangenen Woche ein gern gesehener Gast. Zusammen mit seiner Ehefrau Pia Maria nutzte der 1965 geborene Özdemir die Feier, um mal wieder Tuchfühlung mit dem baden-württembergischen Landesverband aufzunehmen. Der Mann, der nach dem Willen der Reformer“ in der grünen Partei der neue Bundesvorsitzende werden soll, stammt aus Bad Urach und gilt als Ziehsohn von Rezzo Schlauch. Ohne die fleißige Telefonarbeit des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer hätte er seinen Anspruch, im November zu kandidieren, vermutlich nicht angemeldet. Er gibt der Partei ein unverbrauchtes sympathisches Gesicht. Er symbolisiert, dass die Partei Zukunft hat“, sagt Palmer.
Bis Özdemir die grüne Partei zusammen mit Claudia Roth führt, muss er aber noch einige Hürden überwinden: Er muss den Konkurrenten Volker Ratzmann aus dem Feld drängen. Außerdem will er sich seinen Wunsch erfüllen, auf der Landesliste für die Bundestagswahl einen sicheren Listenplatz zu bekommen, was jedoch keine Voraussetzung für die Kandidatur zum Parteivorsitz ist. Acht Bundestagsabgeordnete schicken die mehrheitlich realpolitisch und größtenteils ökologisch-wertkonservativ orientierten Südwest-Grünen in den Bundestag: vier Frauen und vier Männer. Aber bei der Listenaufstellung im Oktober wird es zugehen wie immer: Fast alle wollen wieder in den Bundestag - kein Platz für niemand.
Kampfkandidatur Özdemir-Hermann oder Özdemir-Schick?
Die Spitzenkandidatin Uschi Eid will zwar nur noch auf Platz neun antreten. Das hilft Özdemir aber nichts, denn wegen der Frau-Mann-Quotierung kommt es für den türkischstämmigen Politiker nur auf die Männer an: die Realos Fritz Kuhn und Alexander Bonde sowie die der Parteilinken zugerechneten Abgeordneten Gerhard Schick und Winfried Hermann. Gegen Bonde will Özdemir nicht antreten, Kuhn gilt als gesetzt und konkurrenzlos, so dass es im Herbst aller Voraussicht nach zu einer Kampfkandidatur Özdemir-Hermann oder Özdemir-Schick kommen wird.
Aus heutiger Sicht dürfte Schicks sicherer Listenplatz gefährdeter sein, weil der grüne Bundestagsabgeordnete aus Mannheim, ein gelernter und pfiffiger Ökonom, die Parteilinken manchmal mit wirtschaftsliberalen Meinungsäußerungen irritiert. Direkt antreten will Özdemir im Stuttgarter Wahlkreis I (WK 259), die Kreisvorsitzende will in Esslingen antreten.
Özdemirs Freunde und Förderer sind optimistisch, dass die Delegierten ihren politischen Freund auf einen sicheren Listenplatz wählen werden. Ich traue ihm zu, dass er auf der Landesdelegiertenkonferenz eine hervorragende Rede hält, dass er klar sagt, was er inhaltlich im Bundestag will, und auch darlegt, dass sich der Cem 1998 und der Cem 2008 deutlich voneinander unterscheiden“, sagt Palmer. Für Kretschmann wäre die Wahl Özdemirs eine Entscheidung zur Sicherung der Parteizukunft. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sicherte Kretschmann Özdemir erstmals sein Unterstützung zu: Er hat meine volle Unterstützung. Er ist nach den alten Kämpen der rot-grünen Ära der einzige von uns mit Charisma, der zudem Kompetenz ausstrahlt und der seit der Hunzinger-Affäre 2002 einen politischen Reifeprozess durchgemacht hat.“
Text: F.A.Z.
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