03. Januar 2008 Wie sich Denkanstöße auswirken, die zu Jahresbeginn der eigenen Partei gespendet werden, weiß niemand besser als Wolfgang Gerhardt. Denn am 6. Januar, dem Dreikönigstag, pflegt die FDP in Stuttgart jedes Jahr zu einer Mischung aus Kundgebung und Familientreffen zusammenzukommen. Was kurz davor geäußert wird, hat gute Chancen, zum Partygespräch zu werden.
Vor zehn Jahren brachte ein solcher Anstoß den damaligen Parteivorsitzenden Gerhardt in seine erste größere Turbulenz: Der Freiburger Kreis“ der Sozialliberalen kritisierte im Wahljahr die angeblich einseitig wirtschaftsliberale Ausrichtung der Partei. 2001 wurde in der verdichteten Atmosphäre vor Dreikönig sein Sturz als Parteivorsitzender inszeniert. Seit Jürgen Möllemanns Tod und Walter Dörings Ausscheiden aus der Politik war es zuletzt stiller geworden vor Dreikönig. Diesen Zustand hat nun Gerhardt beendet.
Vielen fehlt der Mut
Denn am Mittwoch forderte er mehr politische Führung in allen Parteien und warnte vor einer One-Man-Show bei den Freien Demokraten. Gerhardt, inzwischen Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung der FDP, kündigte an, sich 2009 wieder um ein Bundestagsmandat zu bewerben. Zudem legte er ein 23 Seiten langes Thesenpapier Für Freiheit und Fairness vor, in dem er ein Missverhältnis von kollektiver und individueller Verantwortung in der deutschen Politik beklagt. Vielen fehlt leider der Mut, das auch öffentlich zu sagen, schreibt Gerhardt.
In erläuternden Stellungnahmen sagte der Autor, er habe einen Denkanstoß vor den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen geben wollen. Politische Führung müsse Orientierung geben und das gesellschaftliche Klima prägen. Westerwelle könne diese Aufgabe nicht alleine schultern, weswegen er dazu rate, das personelle Angebot seiner Partei zu verbreitern. Vor allem die guten jungen Abgeordneten aus der zweiten Reihe müsse Westerwelle öffentlich nennen, loben und bei ihrer Arbeit unterstützen. Man kann nicht als One-Man-Show kurz vor der nächsten Bundestagswahl auf einmal Kaninchen aus dem Hut zaubern.
Aus Führungspositionen verdrängt
Dass das alles nicht so gemeint gewesen sei, wie Gerhard am Donnerstag treuherzig glauben machen wollte, dass sein Vorstoß von den Medien überhöht“ werde und dass es keine Kritik an Westerwelle bedeute, wenn er vor einer One-Man-Show“ warnt: Das wird man dem 64 Jahre alten Politiker, der seit 1965 der FDP angehört, nach dieser Vorgeschichte nicht ernsthaft abnehmen.
Westerwelle war es, der ihn nach und nach aus den Führungspositionen verdrängt hat, zuletzt 2006 vom Vorsitz der Bundestagsfraktion. Das Unbehagen daran, dass seither nur noch eine Figur der Freien Demokraten öffentlich wirklich wahrnehmbar ist, wird hinter vorgehaltener Hand auch sonst hier und da in der FDP geäußert, auch angesichts stagnierender und in derzeit wahlkämpfenden Landesverbänden geradezu beunruhigend auf die fünf Prozent zupendelnder Umfragewerte.
Der Aufsichtsrat der FDP
Allerdings dürfte Gerhardt kaum mit seinen Äußerungen Ambitionen verfolgen, Nachfolger seines Nachfolgers zu werden. Vielmehr hat er mit der Führung der Friedrich-Naumann-Stiftung eine Position gleichsam als Aufsichtsrat seiner Partei erhalten. So liest sich auch sein Manifest für Freiheit und Fairness“, das die FDP inhaltlich nicht gerade zu neuen Ufern treibt. Es atmet Gerhardts neugewonnene Freiheit, die Zeit zum Nachdenken und zur – im Text reichlich zitierten – Lektüre gewährt, und ist mithin genau das, was vom Chef einer politischen Stiftung erwartet werden darf.
In gewisser Hinsicht rundet sich damit Gerhardts beruflicher Lebensweg, der Ende der sechziger Jahre für den promovierten Erziehungswissenschaftler mit der Leitung des Hannoverschen Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung begonnen hatte. 1943 im ländlichen Mittelhessen geboren und als Halbwaise aufgewachsen (sein Vater, ein Berufssoldat, ist im Krieg gefallen), machte Gerhardt Karriere zunächst in der hessischen FDP, die er seit 1982 führte, bis er 1995 an die Spitze der Bundespartei trat. Dass er die Führung der Naumann-Stiftung nicht als politikfernen Alterssitz betrachtet, hat er jetzt mit der zeitlichen Plazierung seiner Thesen in Kombination mit der Ankündigung, wieder für den Bundestag zu kandidieren, eindrucksvoll bewiesen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP