Obama in Deutschland

Himmel und Hölle

Von Claus Peter Müller, Stefan Locke und Peter Schilder

Landesbischof Jochen Bohl führte Angela Merkel und Barack Obama durch die Dresdner Frauenkirche

Landesbischof Jochen Bohl führte Angela Merkel und Barack Obama durch die Dresdner Frauenkirche

06. Juni 2009 Kommt er oder kommt er nicht? Wo geht er hin? Wo kommt er her? Ist er überhaupt da? Die Lage ist unübersichtlich am Morgen nach Barack Obamas Ankunft in Dresden, so unübersichtlich wie die Vorgeschichte dieses Besuchs. Die Leute auf dem Altmarkt ahnen nur, dass er da ist, irgendwo dort im Sperrbezirk, wo nur die Kuppellaterne der Frauenkirche herausragt. Irgendwann würde er wohl auch da hineingehen, nachdem er erst nicht wollte, dann wieder doch. Und sonst? Ein kleines Tee Dejeuner aus Meißner Porzellan soll Obama von der Bundeskanzlerin bekommen haben. Ministerpräsident Stanislaw Tillich soll edle Manschettenknöpfe aus der Porzellanmanufaktur übergeben haben. Das sächsische Staatsweingut Schloss Wackerbarth hatte seine Geschenke bereits in die Hotel-Suite bringen lassen - Sekt der Sorte „August der Starke“ mit Obama-Konterfei und der Aufschrift „Mr. President“ sowie eine Flasche „Gräfin Cosel“ mit Michelle Obamas Bild und der Aufschrift „First Lady“, obwohl die gar nicht mit von der Partie ist.

In der Frauenkriche

Weiter weiß man nichts am Sicherheitszaun, weiter drinnen stehen ein paar Besucher mit Fähnchen gegenüber dem Eingang der Frauenkirche am Neumarkt, wo Martin Luther auf hohem Sockel steht, wo später Barack Obama herauskommen sollte, gleich in seine Limousine steigt und wo er es Frau Merkel überlässt, mit den Dresdnern ein paar Worte zu wechseln. Obama war da schon fort, dorthin, wo er eigentlich hin wollte, dorthin, wo sich die Unübersichtlichkeit dieses Besuchs in ein Ziel verwandelte, das selbst noch von Kairo aus gesehen, von seiner Rede in der Universität, eine klare Logik hatte. Nach Buchenwald.

Die Vorfreude auf Barack Obamas Staatsbesuch in Dresden war groß

Die Vorfreude auf Barack Obamas Staatsbesuch in Dresden war groß

Musik füllte den weiten Innenraum der Frauenkirche aus. Samuel Kummer, der Organist, und Mathias Schmutzler an der Trompete hatten den „Marsch des Prinzen von Dänemark“ von Henry Purcell angestimmt. Landesbischof Jochen Bohl begrüßte den amerikanischen Präsidenten, die Kanzlerin, den Ministerpräsidenten von Sachsen und die Oberbürgermeisterin. Dann ging der Weg quer durch die Kirche zu den Kerzen, die unter dem alten Kreuz brennen. Das war einmal die Spitze der Kirche und wurde unter ihren Trümmern wiedergefunden. Die Verwindungen des Metalls lassen noch erkennen, was das Kreuz und mit ihm die Kirche und mit dieser die Menschen im Feuersturm durchgemacht haben.

„Friede sei mit euch“

Obama nimmt eine der Kerzen und entzündet sie. Auf ihrer Plastikhülle steht „Friede sei mit euch“ und „Peace be with you“, die Worte, mit denen er in Kairo die Muslime der Welt begrüßte. Nach kurzem Verharren geht er zu dem Fürbittbuch, das fast versteckt dahinter ausliegt. Unter dem Datum 5. Juni trägt sich Obama dort ein wie schon viele Besucher vor ihm. Mit der linken Hand schreibt er in kleiner Schrift: „My best wishes to the congregation and People of Dresden, for symbolizing the possibility of reconciliation, reconstruction and hope. God bless you“. (Meine besten Wünsche an die Gemeinde und das Volk von Dresden, dafür, dass sie die Möglichkeit von Aussöhnung, Erneuerung und Hoffnung symbolisieren. Gott schütze Sie.) Die Kanzlerin nimmt den Stift und schreibt: Angela Merkel. Später wird das Buch schnell gegen ein anderes ausgetauscht. Die Sorge ist groß, dass Besucher die Seite herausreißen und mitnehmen könnten.

Die vier Evangelisten

Bischof Bohl erläutert die acht Bilder in der Kuppel. Sie stellen die vier Evangelisten dar, die drei christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe und - „charity!“ sagt Obama, Barmherzigkeit. Am Hauptaltar fragt Obama nach dem Nagelkreuz, das aus zwei Zimmermannsnägeln zusammengefügt ist und jetzt auf dem Altar steht. Es ist aus England nach Dresden gekommen. Obama kennt die Bewegung um das „Cross of nails“, die sich Versöhnung bemüht, und fragt danach. Als dann der Bischof zu einem gemeinsamen Gebet einlädt, stimmt Obama sofort zu. Die kleine Gruppe rückt mit gesenkten Häuptern enger zusammen, und Bischof Bohl sagt auf Englisch: „Die ganze Menschheit hofft auf Frieden an diesem Platz, wo jedermann sehen kann, dass die Versöhnung zwischen früheren Feinden erreichbar ist. Besonders beten wir vor allem für Verständnis zwischen Israel und Palästina, zwischen der muslimischen Welt und dem freien Westen.“

Beim Hinausgehen stimmt der Kammerchor der Frauenkirche das Lied „Er hat seinen Engeln befohlen“ von Felix Mendelsohn Bartholdy an, der vor 200 Jahren geboren wurde. Freundlich und dankbar winkt Barack Obama hinauf auf die Empore. Der Besuch in der Frauenkirche war für eine Viertelstunde geplant und hat schließlich eine halbe Stunde gedauert.

Der Kampf der Staatskanzlei

„Himmel und Hölle haben wir für diesen Kirchenbesuch in Bewegung gesetzt“, heißt es aus der sächsischen Staatskanzlei, und der lässig hingeworfene Spruch beschreibt die Reise Obamas vielleicht besser als alles andere. Dem Weißen Haus sei offenbar nicht bewusst gewesen, welche Bedeutung die Frauenkirche in Dresden, in Deutschland habe. Am Freitag ist dann schnell klar: An kaum einem Ort ist so leicht eine Verbindung zu schlagen von Kairo in die Normandie, von Israel nach Buchenwald, von Palästina nach Deutschland, von Himmel und Hölle.

Buchenwald um 15.15 Uhr

Angela Merkel und Barack Obama gehen durch das Lagertor des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald

Angela Merkel und Barack Obama gehen durch das Lagertor des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald

Die Piloten der Helikopter hatten die Landung auf dem Ettersberg bei Weimar schon zu Wochenbeginn geprobt. Um 14.30 Uhr ist es dann so weit. Ein großer amerikanischer Hubschrauber landet, dann folgt die Helikopter-Flotte des amerikanischen Präsidenten. Um kurz nach 15 Uhr treten er, Frau Merkel, der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel und der Präsident des Internationalen Buchenwald-Komitees, Bertrand Herz, durch das Torhaus des Konzentrationslagers Buchenwald. Herz erläutert den Politikern die Anlage. Die Gruppe bleibt auf der Innenseite des Torhauses stehen. Herz zeigt nach oben zur Uhr auf dem Dach des Gebäudes. Sie zeigt 15.15 Uhr. Es soll die Zeit sein, zu der das Lager am 11. April 1945 von den Häftlingen selbst befreit gewesen sein soll. Die Gruppe bleibt nicht lange Zeit stehen, geht - ein jeder eine weiße Rose in der Hand - weiter über den Schotter zum Mahnmal für alle Opfer des KZ Buchenwald.

In der Hölle

Eine viertel Million Menschen war hier von den Nationalsozialisten bis 1945 interniert. 56 000 von ihnen kamen zu Tode, starben an Hunger, Erschöpfung und Krankheit, wurden erschossen oder gehängt. Die Vierergruppe nähert sich der stählernen Gedenktafel, die an jener Stelle im Boden liegt, wo die Gefangenen in den Tagen nach der Befreiung eine obeliskartike Plastik aus Holz errichtet hatten. Opfern aus 56 Nationen, den Staatenlosen und weiteren, unbekannten Häftlingen ist die Inschrift gewidmet. Das Zentrum der Platte ist 36,5 Grad warm: Körpertemperatur. Nach und nach legen die vier ihre weißen Rosen ab: zuerst Obama, dann Frau Merkel, Wiesel und Herz. Sie verharren kurz, halten inne, bleiben noch einen Moment gemeinsam vor der Platte stehen, bevor sie sich auf den Weg zum „Kleinen Lager“, der „Hölle von Buchenwald“, begeben.

Versöhnung und Hoffnung

Barack Obama legte als erster seine weiße Rose an der Gedenktafel nieder

Barack Obama legte als erster seine weiße Rose an der Gedenktafel nieder

„Dieser Ort ist voller Schrecken“, wird Obama später sagen. „Ich werde das, was ich hier heute gesehen habe, nicht vergessen können.“ Noch nie habe er ein Konzentrationslager besucht, hatte der Präsident am Vormittag in Dresden noch einmal erläutert, worum es ihm bei dem Besuch in der Gedenkstätte gehe. Er betrachte das Lager als Mahnung vor den Gefahren, wenn Völker in einem Konflikt ihr gemeinsames Menschsein nicht mehr beachteten. Die Aussöhnung Israels mit Deutschland zeige aber auch, dass es eine Chance auf Versöhnung und Hoffnung gebe. „Wir müssen wachsam sein, dass so etwas nie wieder passiert“, sagt er in Buchenwald, wo er mit Frau Merkel, Wiesel und Herz über den weiten Schotterplatz gegangen war, wo bis in die fünfziger Jahre die Baracken standen. Schweigend, dann wieder im Gespräch mit einem seiner Begleiter.

Die Befreiung

Als die Amerikaner am 7. April 1945 bei Gotha standen, schickte die SS die Häftlinge auf „Todesmärsche“. Jeder dritte Gefangene starb auf seinem Weg an Erschöpfung oder durch die Hand von SS-Leuten, des Volkssturms oder der Hitlerjugend. Am 11. April wurde der Lagerälteste Hans Eiden um 9 Uhr ans Lagertor befohlen. Kommandant Hermann Pister kündigte den Abzug der SS an und übergab Eiden für diesen Fall das Lager. Um 10 Uhr ertönten das Sirenensignal Feindalarm und die Lautsprecherdurchsage: „Sämtliche SS-Angehörige sofort aus dem Lager“. Um 10.30 Uhr begann das Lagerkomitee der Häftlinge mit der Bewaffnung der eigenen Leute und der Übernahme des Lagers. Um 17 Uhr trafen zwei Aufklärer der Amerikaner am Lager mit einem Jeep ein und berichteten an den Stab der 4th Armored Division, dass sie ein befreites Lager mit bewaffneten und organisierten Häftlingen vorgefunden hatten.

Der DDR-Mythos

Daraus entstand der DDR-Mythos von der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald durch das kommunistische Lagerkomitee. Die Herleitung aus dem Antifaschismus war wiederum die Existenzberechtigung des zweiten deutschen Staates und befreite ihn von der Last der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Das sollte die Geschichte der Bundesrepublik sein. Ohne den Sieg der Amerikaner hätte es freilich keine Selbstbefreiung gegeben. Doch daran erinnerte die DDR nicht. Auch und schon gar nicht daran, dass Buchenwald von 1945 bis 1950 von den Russen als sowjetisches Speziallager 2 fortgeführt worden war. Dort waren etwa 40 000 Menschen interniert. Es gab keine Zwangsarbeit oder Hinrichtungen, aber 7000 Internierte starben an Hunger, Krankheit und Erschöpfung. Wer aus dem Speziallager entlassen wurde, war zur Verschwiegenheit verpflichtet, und die ehemaligen Gefangenen schwiegen aus Angst. So inszenierte die DDR in Buchenwald den Sieg der kommunistisch geführten Häftlinge über den Nationalsozialismus. Buchenwald wurde zur Nationalen Gedenkstätte mit pseudoreligiösen Symbolen und pseudoreligiöser Aura, für Generationen von Jugendlichen in der DDR ein sozialistischer Pflichtwallfahrtsort.

Elie Wiesels bewegende Worte

Die Zerstörung des DDR-Mythos machte den Blick frei für eine Erinnerung, die wie die knapp sechzig Minuten des Besuchs am Freitag auf die Zukunft gerichtet ist. Das Mahnmal mit der Plastik bewaffneter, siegender Häftlinge aus DDR-Zeiten erhebt sich, triumphierend über Leid und Tod, noch immer wie eine Kreuzigungsszene über Weimar. Auch dort verweilte die Gruppe um Obama, und anschließend hält Elie Wiesel, der wie Herz selbst Insasse Buchenwalds war und dort seinen Vater verloren hat, die wohl bewegendste Ansprache an diesem Tag voller bewegender Worte.

Obama hatte ihn darum gebeten. Wiesel zögert erst, tritt dann doch nach vorn auf die für den Besuch gebaute Bühne, wartet wieder einen Augenblick und sagt dann: Als er heute hierher gekommen sei, sei es wie ein Besuch am Grab seines Vaters gewesen, obwohl dieser kein Grab habe, außer irgendwo im Himmel. Der Todestag des Vaters hier im Lager sei einer der dunkelsten in seinem Leben gewesen: „Der Vater war krank und schwach, und ich war da, als er nach Hilfe und Wasser fragte, als er mich bat, seine letzten Worte zu hören. Aber als er nach mir rief, er im oberen Bett und ich im unteren, als er meinen Namen rief, hatte ich solche Angst, mich zu bewegen, und er starb.“

Eines Tages, wenn er mit dem Vater sprechen werde, was werde er ihm sagen, was die Welt gelernt habe? Wiesel wendet sich an Frau Merkel und an Obama, dem er wünscht, er möge die Welt in eine bessere verwandeln können. Aber, sagt Wiesel, diese Welt habe nichts gelernt. Nichts? Dann sagt er: „Die Zeit ist gekommen, wir wollen nicht mehr auf Friedhöfe gehen. Es gibt genug Waisen, es gibt genug Opfer.“ Wiesel umarmt Obama, küsst ihn auf die Wangen, umarmt dann Frau Merkel. Die vier gehen von der Bühne. Obamas Hand ruht auf Wiesels Schulter, Merkels auf Herzens.

Obamas Großonkel

Obama erinnerte am Freitag wieder an seine ganz persönliche Beziehung zu Buchenwald. Der Bruder seiner Großmutter habe im Zweiten Weltkrieg bei der Befreiung des Lagers geholfen. „Diese Erinnerung hat fortgebrannt in seiner Seele.“ Er könne nicht vergessen, wie er als kleiner Junge davon erfahren habe. Sein Großonkel habe gewusst, dass das, was im Lager passiert war, unvorstellbar sei.

Im amerikanischen Wahlkampf war ihm die Episode noch um die Ohren geflogen. Da hatte Obama von Auschwitz, nicht von Buchenwald gesprochen. Schadenfroh hatten ihn die Republikaner darauf hingewiesen, dass Auschwitz in Polen, nicht in Deutschland gelegen habe und dass es nicht von Amerikanern, sondern von Russen befreit worden sei. Ob sein Onkel wohl in der Roten Armee gedient habe?

Das Team im Wahlkampfbüro Obamas stellte die Fehler dann richtig: Der Großonkel, Charlie Payne, sei nicht bei der Befreiung von Auschwitz dabei gewesen, sondern bei der Befreiung des Lagers Ohrdruf, einem Außenlager von Buchenwald unter dem Decknamen S III. Der Truppenübungsplatz Ohrdruf liegt etwa vierzig Kilometer westlich von Buchenwald nahe Gotha. Payne wurde 1943 im Alter von 18 Jahren Soldat. Im Frühjahr 1945 marschierte er als Angehöriger der 89. Infanteriedivision der 3. Armee von Frankreich aus nach Deutschland ein. Am 4. April erreichte er mit seinen Kameraden das Lager Ohrdruf. Payne erinnerte sich an Gefangene, die erschossen worden waren, als sie offenbar mit ihrem Essgeschirr anstanden, an Baracken, in denen Leichen aufgestapelt waren.

Obamas Charisma

Payne wollte sich allerdings nicht daran erinnern, dass seine Erlebnisse bei ihm ein Trauma hinterlassen hätten. Er habe über all dies über Jahre nicht nachgedacht, sagte er der „Chicago Tribune“. Doch vielleicht hatte Payne einfach nicht so viel politisches Talent wie sein Großneffe Obama, der es versteht, seine Biographie für sein politisches Charisma einzusetzen, der es versteht, Persönliches mit Weltpolitik zu verbinden, und der es versteht, bei seinen Zuhörern auch dann noch den Eindruck zu hinterlassen, Berge versetzen zu können, wenn er einfach nur Zeichen setzt. Die Dresdner jedenfalls tun am Freitag nachmittag noch so, als hätten sie Obama wenigstens gespürt, auch wenn sie ihn nicht gesehen haben - kein Wort der Klage über die Allgegenwart von Absperrungen, Polizei und verklebten Gullideckeln ist zu hören, wie es sich hierzulande noch bei Besuchen seines Vorgängers gehörte.

Nicht weit von Buchenwald, in Weimar, strahlt das selbst noch auf den Thüringer Kommunalwahlkampf aus. Auf einem Plakat haben die Grünen dem amerikanischen Präsidenten eine grüne Latzhose angezogen und eine gelbe Sonnenblume, ihr Emblem also, an den linken Hosenträger geheftet. In gelben Gummistiefeln steht Obama da und gießt eine Sonnenblume, während ein Vogel ihm einen Zweig bringt, wie einst die Taube nach der Sintflut ein Zeichen des Lebens aus dem Tal hoch zur Arche Noah trug. „Welcome to Weimar, Mr. President. Help to stop climate change“, steht auf dem Plakat.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar, ddp, dpa, picture-alliance/ dpa

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