19. September 2005 Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat den Anspruch erhoben, in einer großen Koalition als Bundeskanzler die Führung zu übernehmen. Wie soll das denn sonst funktionieren? sagte Schröder am Sonntag abend auf eine entsprechende Frage in der Berliner Runde von ARD und ZDF.
Der Bundeskanzler lehnte eine große Koalition unter Führung der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel entschieden ab. Das war neben dem inhaltlichen Vergleich auch ein Vergleich der handelnden Personen, fügte er mit Blick auf das unerwartet schlechte Ergebnis für die Union und ihre Kandidatin Angela Merkel (CDU) hinzu.
Deshalb kann es doch überhaupt nicht darum gehen, irgendwelche Machtansprüche aus formalen Gründen zu erheben. Nach Ansicht Schröders haben die Deutschen in der Kandidatenfrage eindeutig votiert. Er betonte: Niemand außer mir ist in der Lage, eine stabile Mehrheit zu bilden.
Jünger, aber nicht blöder
Zwischen den Spitzenkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien kam es zu einem teilweise heftigen Schlagabtausch. So warf der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber Schröder Arroganz vor. Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle sagte zu Schröder: Ich bin jünger als Sie - aber nicht blöder.
Stoiber sagte, die Union werde künftig die stärkste Fraktion stellen. Deshalb liege nach den demokratischen Gepflogenheiten der Regierungsauftrag bei Merkel. Ähnlich äußerte sich Westerwelle. Der FDP-Chef lehnte eine Ampelkoalition noch einmal ab. Er sagte zu dem Kanzler: Träumen Sie weiter - nicht mit uns.
Grünen-Spitzenkandidat Joschka Fischer äußerte sich zurückhaltender. Wenn die große Koalition nicht zustande kommt, stehen wir alle in der Pflicht, sagte er. Schließlich müsse man das Wahlergebnis ernstnehmen.
Merkel versicherte, daß sie innerhalb einer großen Koalition nicht auf die Kanzlerschaft zu Gunsten von Schröder verzichten will. Die SPD müsse akzeptieren, daß die Union die stärkste Kraft bei der Bundestagswahl geworden sei. Ich werde schon Wege finden, mit den Sozialdemokraten zu sprechen, sagte Merkel. Die CDU-Chefin zeigte sich irritiert über Äußerungen von Kanzler Gerhard Schröder, der Gespräche mit der Union nur unter der Bedingung führen will, daß er abermals Regierungschef wird.
Kritik von der Gattin
Auf der SPD-internen Feier in Berlin erklärte Schröder am späten Abend, sein Erfolg habe natürlich zu tun mit der Unterstützung von Doris, von meiner wunderbaren Familie. Daß die SPD-Freunde ihm erklärt hätten, wir glauben an dich - das hat mir Kraft gegeben. Der Kanzler erklärte unter dem Gelächter der Gäste, seine Frau habe seinen Auftritt in der sogenannten Elefantenrunde als vielleicht ein bißchen zu krawallig bezeichnet.
Abermals betonte der Kanzler, er habe seinen Wahlkampf gegen die vermachteten Medien geführt, die ihm kritisch gesonnen seien. Ich habe Verständnis, daß es bei Euch Ängste gibt, sagte Schröder an die Journalisten gerichtet. Aber bitte versteht, daß es bei mir manchmal Wut und Enttäuschung gibt. Er werde mögliche Koalitionsverhandlungen nicht führen, weil er zwar seit 43 Jahren SPD-Mitglied sei, derzeit aber keine Funktion in der Partei habe, sagte Schröder. Den SPD-Verhandlungsführern riet er: Beugt Euch nicht dem Machtanspruch der anderen Seite. Auch er sei sich nicht immer siegesgewiß gewesen, gestand Schröder ein. Aber die SPD habe gekämpft. Der Kanzler dankte für die Unterstützung und sagte: Ich kann das kaum zurückgeben, aber ich werde mich bemühen.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa, ddp, AP
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