Gastbeitrag

Verbrecherische Assimilation?

Von Peter Müller

„Integration erfordert eine seriöse Debatte”

„Integration erfordert eine seriöse Debatte”

15. Februar 2008 Die Integrationsdebatte in Deutschland ist durch Aussagen des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan neu entbrannt. Zwar hat er einerseits in anerkennenswerter Weise das friedvolle Miteinander von Deutschen und Türken proklamiert. Auf der anderen Seite steht aber der Schlachtruf: „Assimilation ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit.“ Dieser Satz ist unsinnig und – da integrationsfeindlich – auch unakzeptabel.

Erstens: Integration kann nur gelingen, wenn ein ausreichendes Maß an Anpassung an die aufnehmende Gesellschaft stattfindet. Dazu gehört insbesondere die Bereitschaft zur Anerkennung der Werteordnung der Verfassung, zur Respektierung der Grundlagen und Traditionen des Zusammenlebens der aufnehmenden Gesellschaft und zum Erlernen der jeweiligen Sprache.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Köln: „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit”

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Köln: „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit”

Ob und inwieweit ein Zuwanderer sich darüber hinaus der aufnehmenden Gesellschaft anpasst, ist jedem selbst überlassen. Lediglich der Zwang zur Assimilierung unter Verleugnung der bisherigen Identität ist verwerflich. Wer hingegen freiwillig bereit ist, sich der aufnehmenden Gesellschaft vollständig anzupassen, darf daran nicht gehindert werden. In diesem Fall wäre das Verbot der Assimilierung das wahre Verbrechen an der Menschlichkeit.

Aufbau einer Parallelgesellschaft?

Zweitens: Erdogan spricht zwar von „Assimilation“, zielt aber in Wahrheit auf die Vermeidung erfolgreicher Integration. Wer zur Bewahrung türkischer Identität auffordert und türkische Schulen als Regelfall fordert, will nicht Integration, sondern den Aufbau einer Parallelgesellschaft. Integration erfordert den Verzicht auf die Bewahrung kultureller Traditionen, falls diese mit den zentralen Werten einer demokratischen Gesellschaft nicht vereinbar sind.

Einen Beitrag zur Integration hätte Erdogan daher leisten können, wenn er nicht nur zur Bewahrung der eigenen kulturellen Identität aufgerufen, sondern auch eindeutige Aussagen zur Gleichberechtigung von Mann und Frau, zu Zwangsverheiratungen oder zur Unzulässigkeit von Gewalttaten auf Grund eines archaischen Ehrbegriffes gemacht hätte. Integration ohne Respekt vor den Werten und Traditionen der aufnehmenden Gesellschaft muss scheitern. Auf entsprechende Anpassungsleistungen kann nicht verzichtet werden.

Gelebte kulturelle Vielfalt

Drittens: Jenseits dieser Anpassungsleistungen gibt es einen breiten Raum zur Bewahrung und Pflege der eigenen kulturellen Identität. Niemand in Deutschland verlangt vollständige oder zwangsweise Assimilation. Kein Mensch verlangt von Zuwanderern, dass sie hinsichtlich ihrer Essgewohnheiten, ihrer Festkultur, ihrer privaten Kleidung, ihrer Namensgebung, ihrer Sprache, ihrer Religion, ihrer Musikkultur und so weiter irgendwelche Abstriche machen sollen, soweit sich dies in dem vorgegebenen gesetzlichen Rahmen abspielt. Ein Gang durch unsere Großstädte beweist, dass dies alles andere als ein Lippenbekenntnis ist. Es ist gelebte kulturelle Vielfalt. Wozu also der Schlachtruf: „Assimilation ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit“ ?

Soll suggeriert werden, von Zuwanderern werde in Deutschland vollständige Assimilierung verlangt? Soll gewarnt werden, vor einer bösen Mehrheitsgesellschaft, die nichts anderes im Sinn hat, als Zuwanderern ihre Identität zu nehmen? All dies entbehrt jeder Grundlage. Daher drängt sich der Eindruck auf, dass es darum geht, für türkische Zuwanderer dauerhaft eigene Strukturen einzufordern, die eine vollständige Integration in die deutsche Gesellschaft verhindern.

An das „Deutsch sein“ gewöhnen

Dieses kann und darf von deutscher Seite nicht akzeptiert werden, weil es ein weiterer Beitrag zur Zersplitterung und Beseitigung des inneren Zusammenhaltes der deutschen Gesellschaft wäre. Nur am Rande sei darauf hingewiesen, dass der Kreuzzug Erdogans gegen die angeblich verbrecherische Assimilation und die Forderung nach Bewahrung kultureller Identität vor dem Hintergrund der Behandlung der Kurden in der Türkei wenig glaubwürdig erscheint.

Festzustellen bleibt: Integration erfordert eine seriöse Debatte jenseits von politischem Kalkül und vor allem ein ernsthaftes Bemühen auf beiden Seiten. Denn ohne Zweifel muss auch die Mehrheitsgesellschaft Anpassungsleistungen erbringen. Ein großer Teil der Zuwanderer ist bereits in der deutschen Gesellschaft angekommen und weitgehend integriert.

Um diese Integration zu vollenden, müssen wir anerkennen, dass es deutsche Staatsbürger türkischer, arabischer, iranischer und anderer Herkunft gibt: Wir müssen sie ganz selbstverständlich in vollem Umfang als Deutsche wahrnehmen und behandeln und auch dann nicht mehr als „Ausländer“ betrachten, wenn Name, Akzent und Aussehen die ausländische Herkunft verraten. „Deutsch sein“ – daran müssen wir uns gewöhnen – heißt heute etwas anderes als noch vor vierzig oder fünfzig Jahren. Das müssen die Deutschen wissen und wollen. Die Zuwanderer aber auch.

Der Verfasser Peter Müller ist Ministerpräsident des Saarlandes, Landesvorsitzender und Mitglied des Erweiterten Präsidiums der CDU Deutschlands.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa

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