Bundeswehr-Skandal

Schändungsfotos auch im Kosovo?

Bundeswehr in Schieflage: Verteidigungsminister Jung

Bundeswehr in Schieflage: Verteidigungsminister Jung

28. Oktober 2006 Bundeswehr-Soldaten haben makabere Leichen-Fotos offenbar nicht nur in Afghanistan, sondern auch im Kosovo gemacht. Der Truppenpsychologe und Oberst der Reserve, Horst Schuh, sagte der „Bild am Sonntag“: „Ich habe selbst im Kosovo mitbekommen, daß junge Soldaten bei Exhumierungen oder in der Pathologie Fotos gemacht haben, die unter der Hand im Lager kursierten, ohne daß die Vorgesetzten offensichtlich davon etwas mitbekommen haben.“ Inwieweit Führungsoffiziere in den Skandal um die mutmaßlichen Totenschändungen in Afghanistan verwickelt waren, überprüft das Verteidigungsministerium derzeit. Unterdessen werden immer neue makabre Fotos veröffentlicht.

Die Fotos, auf denen deutsche Soldaten in Afghanistan mit Totenschädeln posierten, hätten ihn nach seinen Erfahrungen im Kosovo nicht überrascht, sagte Truppenpsychologe Schuh der Zeitung. Es würde ihn auch nicht wundern, „wenn weitere Bilder dieser Art auftauchen“.

Die meisten jungen Soldaten würden auf Tod und Verwundung schockiert reagieren, sagte der Militärpsychologe weiter. Es gebe aber auch Soldaten, „auf die das Makabre eine bizarre Anziehungskraft ausübt“. Dazu komme ein Imponiergehabe, das sich in der Gruppe verselbständigen könne. Schuh wertete dies als Versuch, „eine beängstigende Situation zu bewältigen, ähnlich den Scherzen von Medizinstudenten mit Leichen am Seziertisch“.

Haben Offiziere nichts unternommen?

Das Verteidigungsministerium überprüft unterdessen eine Verstrickung von Bundeswehroffizieren in den Skandal um mutmaßliche Totenschändungen in Afghanistan. Die Frage der Mitwisserschaft werde mit Hochdruck geklärt, zitierte die „Leipziger Volkszeitung“ Minister Franz Josef Jung. Er habe gegenüber der militärischen Führung der Bundeswehr klar gemacht, wie notwendig es sei, „daß die Dienstvorgesetzten vor Ort ihre Verantwortung wahrnehmen“. Man müsse auf allen Ebenen hart durchgreifen und könne nicht die geringste Toleranz dulden.

Angeblich soll ein Teil der Bundeswehrführung in Afghanistan möglicherweise schon seit geraumer Zeit von den makabren Fotos gewußt, aber nichts unternommen haben. Offiziere seien im nordafghanischen Kundus in den vergangenen Jahren mehrfach von besorgten afghanischen Partnern gebeten worden, Berichten über „Exzesse in einem Knochenfeld“ unter Beteiligung
„deutscher und anderer Friedenssoldaten“ im Großraum Kabul nachzugehen, beruft sich das Blatt auf einen früheren Mitarbeiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

Fallschirmjäger angeblich in Skandal verwickelt

In den Skandal um die mutmaßlichen Totenschändungen sollen möglicherweise auch Fallschirmjäger der Bundeswehr verwickelt sein. Die „Bild“-Zeitung veröffentlichte am Samstag eine dritte Fotoserie auf der nach Angaben des Blattes Fallschirmjäger zu sehen sind. Die Aufnahmen sollen Ende 2003 oder Anfang 2004 entstanden sein. Das Verteidigungsministerium machte bisher keine genaueren Angaben zur Herkunft der Soldaten machen.

„Wir ermitteln in diesem Fall wie in den anderen auch“, sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur dpa. Auf den Bildern ist unter anderem zu sehen, wie ein Soldat einem aus verschiedenen menschlichen Knochen zusammengesetzten Skelett in der Art einer Hinrichtungsszene eine Pistole an den Totenschädel hält. Der Boulevard-Zeitung liegen nach eigenen Angaben „Dutzende neuer Bilder“ vor, die deutsche ISAF-Soldaten beim makaberen Umgang mit menschlichen Knochen zeigen.

Struck weist Verantwortung von sich

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verlangte eine harte Bestrafung der Schuldigen und appellierte an die Menschen in Afghanistan, besonnen zu reagieren. „Die schnelle Aufklärung dieser abscheulichen und schockierenden Vorfälle, die Verteidigungsminister Franz Josef Jung durchgesetzt hat, wird ihre Wirkung beim afghanischen Volk hoffentlich nicht verfehlen. Es kommt darauf an, daß Afghanistan sieht: Solche Vergehen werden nicht geduldet, sondern schonungslos verfolgt und bestraft“, sagte Merkel dem Nachrichtenmagazin „Focus“.

Jungs Amtsvorgänger Peter Struck (SPD) wies jede eigene Verantwortung im Zusammenhang mit den sogenannten Totenschändungen von sich. „Hätte der Führungsstab oder gar ich davon erfahren, wäre das natürlich sofort bestraft worden. Aber es gab zu keiner Zeit Hinweise auf solche Vorgänge“, sagte der SPD-Politiker. Struck war von 2002 bis 2005 Verteidigungsminister.

Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, nahm die Bundeswehrführung vor pauschalen Vorwürfen in Schutz: Es gebe keine Truppe, die ihre Einsätze „so sorgfältig, so umfassend und so wohlüberlegt“ vorbereite wie die Bundeswehr, sagte der Ex-General in einem Radio-Interview. Die Vorfälle in Afghanistan offenbarten vielmehr ein Problem der Gesellschaft. „Wie soll die Bundeswehr in wenigen Wochen oder Monaten, das, was an Fehlentwicklungen in 18 Jahren entstanden ist, ändern“, sagte Kujat.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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