Günter Schabowski im Porträt

Der Schleusenöffner

Von Georg Paul Hefty

War einer der mächtigsten Männer der DDR: Günter Schabowski

War einer der mächtigsten Männer der DDR: Günter Schabowski

09. November 2007 Mit einem einzigen, etwas unsicher gesprochenen Satz Weltgeschichte zu machen ist seit Einführung der schriftlichen Überlieferungen nur wenigen gelungen. Günter Schabowski, Mitglied des SED-Politbüros und ranghöchster Kommunikator des DDR-Regimes, schaffte das nicht mit der ausgefeilten Formulierung: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse - beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.“

Aber er schaffte es mit dem suchenden Zusatz, mit dem er auf Nachfrage antwortete: „Das tritt nach meiner Kenntnis . . . ist das sofort, unverzüglich.“ Es war der Abend des 9. November 1989 kurz vor 19 Uhr - und noch vor Mitternacht war die blutige Teilung der Stadt Berlin Vergangenheit. Die bis dahin durch die kommunistische Diktatur mit Hilfe von Mauer und Stacheldraht aufgestaute Flut führte binnen Jahresfrist geradewegs zu der von Bundeskanzler Kohl von da an vorangetriebenen Wiedervereinigung Deutschlands.

Ein unbeirrbarer Wichtigtuer

Der einschlägige Satz hätte allerdings wenig oder gar nichts bewirkt, wenn Schabowski nicht in einer jahrzehntelangen Laufbahn als Berufskommunist zu einem der mächtigsten Männer der DDR geworden wäre. Der am 4. Januar 1929 in Anklam geborene Sohn eines Klempners trat 1946 in die kommunistische Gewerkschaftsbewegung ein, 1950 in die Jugendorganisation und 1952 in die Einheitspartei selbst. Er wird wohl ein unbeirrbarer Wichtigtuer gewesen sein, sein rascher Aufstieg in die Chefredaktion der Gewerkschaftszeitung „Tribüne“ und dann - nach einem Parteistudium in Moskau - in die des Parteiorgans „Neues Deutschland“ lassen dies vermuten.

Mitte der achtziger Jahre wurde Schabowski Mitglied des SED-Politbüros, welches das ganze Leben in der DDR beherrschte, und Chef der Ost-Berliner Parteiorganisation. Doch unter dem Eindruck der Veränderungen in der Sowjetunion zur Zeit Michail Gorbatschows richteten sich immer mehr Hoffnungen auf Schabowski, dass er in der DDR einen vernünftigeren Kurs verfolgen könnte als der damals noch mächtige Erich Honecker und sein Kronprinz Egon Krenz. Letztlich hat er tatsächlich eine Wende bewirkt, aber anders als vermutet, und er hat damit zugleich seine eigenen Aussichten auf eine Machtstellung zerstört.

Berlins Bürgermeister Diepgen begnadigte ihn

Günter Schabowski ist zum einsichtigsten unter den ehemaligen Spitzenkadern geworden. 1990 verabschiedete er sich von dem alten Weltbild. Er war bereit, auch vor Gericht für seine frühere Verantwortung einzustehen. Von einer dreijährigen Haftstrafe erlöste ihn nach einigen Monaten im offenen Vollzug die Begnadigung durch den Berliner Regierenden Bürgermeister Diepgen.

Schabowski hat sich die Aufklärung der in der Gnade der späten Geburt Lebenden über die kommunistische Diktatur zur Aufgabe gemacht - heute spricht er in Erfurt darüber - und sagt dabei Sätze wie: „Es gibt eine Nachfolgepartei, die sich als Widerstandspartei aufführt.“ Eindringlich formulieren kann er noch immer.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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