Von Thomas Petersen
19. November 2008 Als Bundeskanzlerin Merkel im Juni die Bildungsrepublik Deutschland ausrief, konnte sie sich des Beifalls der Öffentlichkeit sicher sein. Spätestens seit der Debatte über die Ergebnisse der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 gehört die Aussage, die Zukunft des Landes hänge vor allem von Bildung ab, ebenso zum Kern politischer Grundsatzreden wie die Forderung nach Erhöhung der Bildungschancen für bestimmte gesellschaftliche Gruppen.
Landtagswahlkämpfe werden vom Streit über das Schulsystem geprägt, und als sich im Oktober die Regierungschefs von Bund und Ländern in Dresden zum Bildungsgipfel trafen, wurde dies von den Bürgern aufmerksam registriert: 52 Prozent sagten in der jüngsten Umfrage des Allensbacher Instituts für die F.A.Z., sie hätten vom Ereignis gehört. Das ist für eine Veranstaltung, bei der es um die Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern geht, ein hoher Wert.
Auf das der Mensch seine Bestimmung erkenne
Doch was ist Bildung? Wie viele Schlüsselbegriffe, die öffentlich erörtert werden, ist auch dieser Begriff vieldeutig, so dass die an der Debatte Beteiligten leicht aneinander vorbeireden. So findet sich in der bei F. A. Brockhaus in Leipzig von 1843 an veröffentlichten Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände unter dem Stichwort Bildung diese Erläuterung: Bildung sei die durch den selbstbewussten und freitätigen Geist geleitete Entwicklung, die dazu diene, dass der Mensch seine Bestimmung erkenne und erstrebe, die keine andere ist, als in seinem ganzen Sein und Leben das Ebenbild Gottes darzustellen.
Bildung sei nur möglich durch eigene freie Tätigkeit des Geistes. Der Mensch könne nie von außen gebildet werden, er müsse sich selbst bilden. Ein größerer Gegensatz zu den unter demselben Stichwort geführten gegenwärtigen Diskussionen über die Effizienz und internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Schulsystems ist kaum denkbar. Was also meinen die Deutschen, wenn sie von Bildung sprechen? Wie viel von der ursprünglichen Bedeutung ist heute noch im Bewusstsein der Menschen erhalten? Gibt es noch einen Bildungskanon, der um seiner selbst willen gepflegt wird, oder ist Bildung vor allem der Erwerb von Wissen, das für ein erfolgreiches Berufsleben nötig ist?
Allgemeinbildung hat Vorrang
Darüber, dass Bildung nicht allein ein Mittel für den beruflichen Erfolg ist und die Schulen auch nicht in erster Linie auf das Berufsleben vorbereiten sollten, herrscht in der Bevölkerung nahezu Konsens. Dies zeigen die Antworten auf eine Dialogfrage, bei der zwei Meinungen zur Auswahl vorgelegt wurden. Die erste: Meiner Meinung nach sollte die Schule die Kinder vor allem auf das Berufsleben vorbereiten und daher auch in erster Linie Wissen vermitteln, das Kinder später im Beruf gut gebrauchen können. Eine umfassende Allgemeinbildung finde ich da nicht ganz so wichtig. Die Gegenposition lautete: Meiner Meinung nach ist die Schule vor allem dafür verantwortlich, den Kindern eine möglichst gute Allgemeinbildung beizubringen. Die ist nicht nur für den Beruf wichtig, sondern für das ganze Leben. Kenntnisse und Fähigkeiten, die man für seinen Beruf braucht, lernt man sowieso bei der Arbeit am besten.
Mehr als drei Viertel der Befragten, 77 Prozent, stimmen der zweiten Meinung zu, nur 14 Prozent der ersten. Immer noch deutlich sind die Antworten auf die etwas allgemeinere Frage: Was halten Sie für wichtiger: Dass die Kinder an den Schulen auf das Berufsleben vorbereitet werden, oder dass sie eine möglichst gute Allgemeinbildung bekommen? 23 Prozent antworten, die Vorbereitung auf das Berufsleben sei wichtiger; die Mehrheit von 54 Prozent meint, eine gute Allgemeinbildung habe Vorrang. Auch die Argumentation, angesichts der Vielfalt von Wissen könne es eine Allgemeinbildung gar nicht mehr geben, und es sei daher wichtiger zu lernen, wo Informationen zu beschaffen sind, überzeugt nur 13 Prozent der Deutschen, während 82 Prozent der Ansicht zustimmen, eine gute Allgemeinbildung sei auch heute noch notwendig, weil man sonst die Informationen, die man erhalte, nicht richtig einordnen könne.
Die Schule soll Leistungsbereitschaft und Disziplin vermitteln
Doch sosehr die Bürger auf eine breite Allgemeinbildung Wert legen, so wenig eindeutig sind ihre Antworten darauf, was denn zur Allgemeinbildung dazugehört. 87 Prozent sagen, zu einem gebildeten Menschen gehöre unbedingt, dass er über ein breites Wissen verfügt, 66 Prozent meinen, er müsse sich sprachlich gut ausdrücken können, 58 Prozent verlangen gute Manieren, 56 Prozent geben an, zu einem gebildeten Menschen gehöre, dass er viel liest. Auf einzelne Bildungsinhalte können sich dagegen jeweils nur Minderheiten verständigen: 38 Prozent meinen, ein gebildeter Mensch müsse sich in der Geschichte gut auskennen, 35 Prozent erwarten Interesse an Politik, 26 Prozent verlangen Wirtschaftskenntnisse. Themen, die man mit klassischer Bildung in Verbindung bringt, wie Philosophie und Kunst oder Kenntnisse in der Musik, werden nur von deutlich weniger als einem Fünftel der Befragten genannt.
Es spricht einiges dafür, dass nicht so sehr das bürgerliche Bildungsideal selbst verfällt, sondern dass die Themen, mit denen es traditionellerweise verbunden wird, an Bedeutung verlieren. Dies wird sichtbar an den Antworten auf eine Frage, bei der Themen zur Auswahl vorgelegt wurden mit der Frage, welche vor allem in der Schule vermittelt werden sollten. 88 Prozent meinten, besonders wichtig sei, dass sich die Schulen um die gute Beherrschung von Rechtschreibung und Grammatik kümmerten, am zweithäufigsten wurde das Lernziel Leistungsbereitschaft genannt (64 Prozent), gefolgt von guten Mathematik- und Englischkenntnissen (60 und 58 Prozent). Historische Kenntnisse fanden dagegen nur 32 Prozent der Befragten besonders wichtig, Kenntnisse der deutschen Literatur 22 Prozent, musische Erziehung 11 Prozent. Alte Sprachen wie Latein oder Altgriechisch hielten sogar nur 4 Prozent für besonders wichtig. Setzt man diese Ergebnisse in Beziehung zu den Antworten auf die Frage, um welche dieser Themen sich die Schulen besonders kümmern, so ist zu erkennen, dass in diesen Bereichen klassischer humanistischer Bildung den Schulen ein überproportional starkes Engagement zugesprochen wird, während bei der Erziehung zur Leistungsbereitschaft, der Disziplin und der Freude am Lesen Mängel wahrgenommen werden. Offenbar werden einige Schwerpunkte der Schulbildung als nicht mehr zeitgemäß empfunden.
Kulturelles Basiswissen geht verloren
Auch im Alltag scheinen bildungsbürgerliche Ideale und der damit verbundene Lebensstil an Bedeutung zu verlieren. 43 Prozent der Deutschen sagen, dass sie zumindest gelegentlich Museen besuchen, bei den Leuten unter 30 Jahren sind es noch 29 Prozent. 35 Prozent der Bevölkerung insgesamt, aber nur 26 Prozent der Jungen, sind Theaterbesucher. Kunstausstellungen werden von 24 Prozent der Deutschen insgesamt und von 15 Prozent der Altersklasse bis dreißig Jahren besucht. Bei Vorträgen und Lesungen beträgt das Verhältnis 20 zu 14, bei Opernbesuchen 11 zu 5 Prozent. Zum Teil sind diese Unterschiede zwischen den Altersgruppen lediglich Ausdruck der unterschiedlichen Lebensphasen.
Doch es ist wahrscheinlich, dass sich hier zudem eine langsame Veränderung der kulturellen Ausrichtung niederschlägt, die sich auch in anderen Einzelheiten zeigt. So hat sich seit 1986 der Anteil derer an der Bevölkerung, die gelegentlich Hausmusikabende veranstalten, von 11 auf 6 Prozent fast halbiert. Auch kulturelles Basiswissen, das bis vor wenigen Jahren noch Gemeingut war, ist einem langsamen, aber deutlichen Verfall ausgesetzt. So können zwar auch heute noch jeweils mehr als 90 Prozent der Bevölkerung mit den Namen Goethe, Bach und Beethoven etwas anfangen, doch die Zahl derer, die sagen, dass sie schon einmal von Friedrich Schiller gehört haben, ist seit 1991 von 97 auf 86 Prozent zurückgegangen, die Bekanntheit Albrecht Dürers ist in derselben Zeit von 92 auf 78 Prozent gesunken.
Mit der Bildung geht es wieder bergauf
Diese Ergebnisse sind kein Hinweis darauf, dass der Bildungsstand allgemein gegenüber den neunziger Jahren gesunken ist. Eher ist das Gegenteil der Fall. Seit den fünfziger Jahren legt das Allensbacher Institut seinen Befragten immer wieder Wissensfragen vor. Ob es um Geographie, das chemische Zeichen für Sauerstoff, das Wiedererkennen von Baumblättern oder kleine Rechenaufgaben geht, in den meisten Fällen sind die Leistungen der Befragten heute gleich gut oder etwas besser als noch vor wenigen Jahren. Das gilt auch für das historische Verständnis. Eine Frage lautete: Wissen Sie das zufällig: Hat Luther vor dem Dreißigjährigen Krieg gelebt oder nach dem Dreißigjährigen Krieg?
Seit Mitte der siebziger Jahre sank langsam, aber stetig der Anteil derer, die diese Frage richtig beantworten konnten, und dies, obwohl gleichzeitig die Zahl derer, die über einen höheren Schulabschluss verfügten, rasch anstieg. Mitte der neunziger Jahre lagen die Kenntnisse der Befragten mit Abitur auf dem Niveau, das im Jahr 1976 die Befragten mit mittlerer Reife aufgewiesen hatten. Doch seitdem hat sich der Trend umgekehrt. Heute wissen wieder 56 Prozent der Deutschen, nahezu gleich viele wie vor einem halben Jahrhundert, dass Luther vor dem Dreißigjährigen Krieg gelebt hat, unter den Befragten mit Hochschulreife sind es immerhin wieder drei Viertel. Die Bildung, so möchte man schließen, hat in Deutschland ihren Tiefpunkt vielleicht durchschritten. Das Bildungsbürgertum dagegen nicht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.