Von Christian Schwägerl, Berlin
10. November 2006 Erstaunlich lange war es in Deutschland ruhig an der Stammzellfront, doch damit ist es nun vorbei. In Amerika wollen die durch die Wahlen gestärkten Demokraten jenes von Präsident Bush erfundene Regelwerk für die Embryonennutzung abschaffen, das Vorbild auch für die deutsche Gesetzgebung war. Das ermutigt die Gegner der strengen Gesetze in Deutschland, sich wieder Gehör zu verschaffen.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) forderte am Freitag vormittag mit Rückenwind aus Amerika massive Veränderungen an den Regeln für die Stammzellforschung, und ihr Präsident, der Genetiker Ernst-Ludwig Winnacker, zeigte sich optimistisch, auch etwas zu erreichen. Prompt wurde er von Forschungspolitikern der Union unterstützt. Die Grünen warnen bereits vor einem Angriff auf der Herzstück der deutschen Biopolitik. Forschungsministerin Schavan sprach sich am Freitag gegen eine Generalüberholung der Regeln für die Stammzellforschung aus, ließ aber Kompromißbereitschaft erkennen.
Streit über die Stichtagsregel
Sie kündigte am Mittag an, eine der Kernforderungen der DFG genau zu prüfen. Dabei geht es um eine erleichterte Zusammenarbeit mit Forschern im Ausland, die sich nicht an die strengen deutschen Regeln für die Embryonennutzung halten. Bisher setzen sich deutsche Forscher bei solchen Kooperationen der Gefahr aus, strafrechtlich belangt zu werden.
Nicht nur die FDP, sondern auch die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag Katherina Reiche (CDU) und die forschungspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Ilse Aigner, zeigten große Sympathien für die Forderungen aus der Wissenschaft: Vorgaben, die deutschen Wissenschaftlern die Zusammenarbeit mit Kollegen im Ausland in vielen Fällen unmöglich machten, müßten abgeschafft werden, sagte Frau Reiche der F.A.Z. Auch das Kernstück des Stammzellkompromisses aus dem Jahr 2002 habe sich erledigt: Die Stichtagsregelung muß abgeschafft werden.
Schavan gegen Reiche und Aigner
Die Stichtagsregelung schreibt vor, daß deutsche Forscher nur mit solchen embryonalen Stammzellen arbeiten dürfen, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Dabei handelt es sich um insgesamt 22 Zellinien, die laut dem Urteil der DFG aber weder für Forschung noch für Therapien brauchbar seien.
Forschungsministerin Schavan wandte sich mit klaren Worten gegen eine Abschaffung des Stichtags, ließ aber offen, ob es beim jetzigen Datum bleiben müsse. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Wolfgang Huber, regte an, den Stichtag nach hinten zu verschieben, um zu einem Ausgleich der Interessen zu kommen. Der SPD-Forschungspolitiker Jörg Tauss unterstützte die Forderungen der DFG und kündigte eine parlamentarische Beratung an.
Berechtigte Hoffnungen
DFG-Präsident Winnacker sagte in Berlin, die Hoffnung, daß mit Hilfe von Stammzellen bisher unheilbare Krankheiten therapiert werden könnten, habe sich als berechtigt erwiesen. Sogenannte adulte Stammzellen, die aus dem Körper Erwachsener stammen und als ethisch unproblematisch gelten, spielten dabei eine Rolle, sie seien aber Stammzellen aus Embryonen in vielen Eigenschaften unterlegen. Die Erwartung, daß adulte Stammzellen ähnlich gut geeignet für Therapien seien wie embryonale Zellen, seien nicht erfüllt worden. Diese embryonalen Stammzellen müßten in Deutschland deshalb nun näher erforscht werden, so wie das heute in Amerika, Israel, Südostasien und Großbritannien getan werde.
Dazu seien Änderungen am Stammzellgesetz nötig, forderte Winnacker. Abgeschafft werden müßten
- der gesetzliche Stichtag, der deutschen Forschern nur den Import und die Erforschung der ältesten, vor dem 1. Januar 2002 gewonnenen Stammzellen erlaubt,
- die Strafandrohung für Kooperationen mit Forschern im Ausland, die nicht gemäß den deutschen Regeln arbeiten, und
- Regeln, die eine medizinische, diagnostische und präventive Nutzung von Stammzellen verhindern.
Die 22 verschiedenen Sorten embryonaler Stammzellen, die bisher nach Deutschland importiert werden dürften, seien von minderer Qualität, sagte Winnacker. Sie seien mit tierischem Material verunreinigt, wiesen besonders starke genetische Mutationen auf und seien für einen Einsatz am Patienten völlig ungeeignet.
Standardisierte Stammzellbanken
Weltweit gebe es inzwischen etwa 400 Linien embryonaler Stammzellen und Bestrebungen, standardisierte Stammzellbanken einzurichten. Könnten deutsche Forscher frei auf diese Zellbanken zugreifen, sei es im Gegensatz zu früheren Forderungen der DFG nicht vordringlich nötig, daß in Deutschland eigene Stammzellinien entstehen.
In ihrer letzten Stellungnahme aus dem Jahr 2001 hatte die DFG noch gefordert, Änderungen am Embryonenschutzgesetz vorzunehmen und auch in Deutschland neue Stammzellkulturen zu gewinnen. In vielen europäischen Ländern ist diese Praxis in den vergangenen Jahren ausdrücklich erlaubt worden. Dazu zählen Großbritannien, Schweden, Spanien, Frankreich, die Schweiz und Belgien.
Dort werden embryonale Stammzellen aus menschlichen Embryonen gewonnen, die bei der künstlichen Befruchtung übrigbleiben und nicht mehr für eine Schwangerschaft vorgesehen sind. Hat der Embryo eine Größe von etwa zweihundert Zellen erreicht, wird er zerstört, um die Stammzellen aus seinem Inneren zu gewinnen. Diese embryonalen Stammzellen lassen sich in alle Zelltypen des Körpers wie Herz-, Nerven- oder Blutzellen verwandeln, bei Mäusen sogar in Eizellen und Spermien. Biomediziner wollen sie gegen Krankheiten einsetzen, bei denen bestimmte Zellen absterben oder fehlen, etwa bei Multipler Sklerose, Diabetes oder nach Infarkten.
Keine Rücksicht auf Deutschland
Neue Nahrung erhielt die deutsche Biopolitik-Kontroverse zuletzt durch den Beschluß der EU, fünfzig Millionen Euro in die Embryonenforschung zu investieren und dabei auf die deutschen Restriktionen wenig Rücksicht zu nehmen. Nun kommen die Folgen des Wahlerfolgs der Demokraten in Amerika hinzu. Die Demokraten waren mit der Forderung nach freizügigeren Regeln für die Forschung an embryonalen Stammzellen in den Wahlkampf gezogen und hatten den an Parkinson erkrankten Schauspieler Michael Fox in einem Werbespot zu Wort kommen lassen.
Zwar hat der amerikanische Präsident George Bush zuletzt ein Veto gegen die Abschaffung der von seiner Regierung erfundenen Stichtagsregelung eingelegt. Bush ist aber aufgrund der Mehrheit der Demokraten im Senat und im Repräsentantenhaus nun zu Kompromissen gezwungen, die zu Änderungen in der staatlichen Förderpraxis für die Stammzellforschung führen könnten. In Privatfirmen und Universitätslaboratorien, die von privaten Stiftungen finanziert werden, gelten in Amerika schon bisher keinerlei Grenzen für die Stammzellforschung. Zudem investieren Regierung, Firmen und Stiftungen in Amerika deutlich mehr in diese Forschung als in Deutschland. (Siehe auch: Finanzierung der Forschung: Krümel vor die Stammzellen)
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa