Ihr Wahlprogramm

Feuerwerk im Wirtshaus

Von Albert Schäffer, München

Gelungene Selbstboulevardisierung

Gelungene Selbstboulevardisierung

20. September 2007 Der Löwenbräukeller in München ist bislang kaum als esoterisches Kraftzentrum bekannt gewesen. Er ist ein Wirtshaus, in dem vorwiegend ältere Herrschaften eher profane Erleuchtungerlebnisse suchen - durch den Genuss eines Kalbskopfes, „in Butterschmalz rausgebacken“, oder saurer Essigknödel „auf Scheiben vom weißen und roten Spanferkelpresssack“. Doch an diesem Mittag wird Gabriele Pauli erwartet - und da werden andere als die üblichen bayerischen Mantras - „Schmeckt's?“ - „Guad!“ - angestimmt.

Die Fürther Landrätin hat ihr Programm mitgebracht, mit dem sie auf dem CSU-Parteitag zur Vorsitzenden gewählt werden will. Bestimmt ist die Präsentation für Journalisten - aber wer die Wartezeit zum Kalbskopf überbrücken will, darf im Löwenbräukeller die Ohren spitzen und sich auf sein persönliches Erweckungserlebnis freuen. Denn die Kandidatin verliert sich nicht in Fragen, die jede Nachrichtensendung zur Geduldsprobe werden lassen; niemand wird an diesem Mittag mit Details der Reform der Erbschaftsteuer unter besonderer Berücksichtigung der Belange der bayerischen Bauern geplagt.

Pauli: Glaubwürdigkeit durch „Echtheit und Wahrheit“

Frau Pauli, die ihr elf Seiten umfassendes Programm unter das Motto „Von Menschen für Menschen - CSU: Beginn der ganzheitlichen Politik“ gestellt hat, geht es an diesem Mittag um nicht mehr und nicht weniger als das Glück des Einzelnen. Jeder könne „persönliches Glück und Anerkennung in sich selbst finden“, sagt die Kandidatin - und Politiker könnten den Weg dahin aufzeigen, „indem sie die Menschen nicht nur materiell bedienen“. Glaubwürdigkeit entstehe durch „Echtheit und Wahrheit“; danach sehnten sich viele in Deutschland. Politiker müssten den „ganzen Menschen mit seiner Vollkommenheit und Freude an der eigegen Stärke und Kraft sehen“.

Wer nicht Paulo Coelho gelesen hat, mag sich in diesem Augenblick ein wenig verloren vorkommen. Aber Frau Pauli, fast ganz in Weiß gekleidet, lässt niemand allein, sondern zeigt den Pfad auf, den Politiker gehen sollen, die sich „wirklich um die Menschen kümmern“ wollen. Sie müssten sich befreit haben „von ich-orientiertem Ehrgeiz, Stolz, Prestige, Neid, Machtstreben“. Fast könnte man als Zuhörer verführt sein, die Hand der Nebenfrau, des Nebenmanns zu greifen und „We shall overcome“ anzustimmen - aber dafür ist der Löwenbräukeller dann doch nicht der richtige Ort.

Die Ehe „aktiv erneuern“

Ob der CSU-Parteitag dafür geeigneter sein wird? Frau Pauli meint, es gebe „verdeckte Hinweise“, dass sie doch Delegierte wählen könnten, aber ihr käme es nicht darauf an, wie viele Prozentpunkte sie im Wettstreit mit Horst Seehofer und Erwin Huber erziele. Sie lasse „die Dinge auf sich zukommen“. Allzu sehr überdehnt sie diese Maxime allerdings nicht zu dieser mittäglichen Stunde. Sie hat schließlich eine Dissertation über die Öffentlichkeitsarbeit der Parteien verfasst - und spätestens seit ihren Modefotos muss sie als Fachfrau für mediale Reflexe jeder Art betrachtet werden.

Sie präsentiert im Löwenbräukeller nicht nur den Weg zum persönlichen Glück, sondern auch einen Vorschlag zur Reform des Eherechts, mit dem ihre Präsenz in den Talkshows der Republik bis zum Parteitag gesichert sein dürfte. Ehen sollten nur noch für einen bestimmten Zeitraum geschlossen werden, etwa für sieben Jahre, sagt die fünfzig Jahre alte Politikerin, die im Vokabular von Partnerschaftsagenturen als „eheerfahren“ gelten darf. Wer wolle, könne danach für weitere sieben Jahren abschließen, sprich, seine Ehe „aktiv erneuern“. Paare, die sich nach sieben Jahre trennen wollten, könnten „dies ohne großen Scheidungsaufwand nach Ablauf der Ehezeit“ tun.

Selbstboulevardisierung einer Politikerin

„Ehe auf Zeit“ - damit befeuert Frau Pauli an diesem Mittag wieder einmal die medialen Phantasien, wie sie es auch in den schönsten Latex-Handschuhen nicht besser könnte. Ihre übrigen Forderungen, etwa die Direktwahl des Ministerpräsidenten oder dass Frauen in allen Parteigremien paritätisch vertreten sein sollten, weil ihnen „besondere intuitive, kommunikative und harmonisierende Fähigkeiten“ zugeschrieben würden, geraten ihr zur wenig beachteten Pflichtübung, auch wenn sie als „Eckpunkte zur Erneuerung der CSU“ firmieren.

Es ist die Selbstboulevardisierung einer Politikerin, die wieder einmal glänzend funktioniert - wenig später nach der Pauli-Präsentation meldet sich der Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion, Herrmann, zu Wort und bezeichnet eine Ehe auf Zeit als „absurd“. Andere Parteigrößen folgen, darunter der scheidende Vorsitzende Stoiber, der Frau Pauli nahelegt, aus der CSU auszutreten. Und das Erzbischöfliche Ordinariat München warnt vor einem „Zerreden“ der Institution Ehe. Im Löwenbräukeller sind die Stammbesatzungen der Tische längst wieder mit Kalbskopf und Essigknödel beschäftigt - und die Schwärmerei eines älteren Herrn, „die Pauli“ sei einfach „zum Verliabn“, löst sich im Alkoholdunst langsam auf.

Text: F.A.Z., 20.09.2007, Nr. 219 / Seite 4
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

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