Rechtsextremismus

Zwischen Kultur und Fremdenhaß

Von Daniel-Dylan Böhmer, Rheinsberg

Preußisches Idyll: „Für die Rechten leider ein Glücksfall”

Preußisches Idyll: „Für die Rechten leider ein Glücksfall”

30. Mai 2006 „Wir sind doch keine Kannibalen hier!“ Die Stimme der Frau mit den roten Haaren und der modischen Brille bebt, als sie den Satz ausruft. Wie über ihre Stadt geschrieben werde, über Rheinsberg in der Mark Brandenburg, das sei ungerecht, gnadenlos verzerrend. Ihren Namen will sie nicht nennen.

Es sei sowieso schon viel zuviel geschrieben worden. Hier lebten doch alle vom Tourismus. Auch ihre Familie. Fünf, sechs Reisegruppen hätten schon storniert, seit die ganze Debatte über „No-Go-Areas“ begonnen habe. „Schmierfinken gibt es doch überall. Auch im Westen.“

Wildwachsender Fremdenhaß

Die Schmierfinken von Rheinsberg, das ist eine Gruppe rechtsextremer Jugendlicher, manche schätzen sie auf 20, manche auf 50 Personen. Keine hochideologisierten, strategisch agierenden Gruppen, sagen Szene-Kenner. Eher wildwachsender Fremdenhaß, der sich meist spontan und unter Alkoholeinfluß entlädt.

Aber das geschieht häufig: Menschen, die den Rechtsextremisten zu links sind, wurden zusammengeschlagen, immer wieder werden hier ausländische Restaurants und Geschäfte angegriffen, Scheiben zertrümmert, zuletzt Ende März. Ein türkischer Imbiß wurde allein seit 2003 achtmal attackiert, in der Hälfte der Fälle auch angezündet, im März 2005 brannte er vollständig nieder.

Bürgerbewegung gegen Rechtsextreme

Aber Rheinsberg ist auch ein Ort, der sich gegen Rechtsextreme wehrt. Nach den Anschlägen organisierten Bürger Kundgebungen, sie sammelten Geld für die geschädigten Geschäftsleute. Pfarrerin Ilona Kretzschmar-Schmidt organisierte Mahnwachen gegen Fremdenhaß. Sie legt Wert darauf, daß das Engagement der Bürger gewürdigt wird. Zu Unrecht werde Rheinsberg als „No-Go-Area“ gesehen.

Eigentlich ist der zehntausend Einwohner zählende Ort, anderthalb Autostunden nördlich von Berlin gelegen, der Gegenbeweis für die häßlichen Ost-Geschichten über entwurzelte Gesellschaften und kahlgeschorene Jugendgangs. Rheinsberg steht für eine zauberhaft reizvolle Kulturlandschaft Preußen. König Friedrich Wilhelm I. kaufte den Ort 1734 für seinen Sohn, den späteren Friedrich den Großen, und ließ den Flecken auf Staatskosten restaurieren, samt Wasserschloß am Grienerick-See. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky verbrachte hier ein seliges Wochenende und schrieb die Erzählung „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“.

„Rheinsbergs Bekanntheit ist für die Rechten leider ein Glücksfall“, sagt Pfarrerin Kretzschmar-Schmidt. „Der Kontrast zwischen Kultur und Fremdenhaß ist die gefundene Geschichte für die Medien. Darum bleibt nichts unbemerkt, was hier passiert. Und genau das wollen die Neonazis.“ Darum sei es „ein schmaler Grat zwischen Verdrängung und Übertreibung“, wenn man hier gegen Rechtsextremismus kämpfen wolle. Und das wollten viele in Rheinsberg.

Stelle der Stadt-Jugendpflegerin gekürzt

Eine davon ist Nadine Pape. Sie ist 17 Jahre alt, hilft mit in der Kirchengemeinde, spielt in einer Band und engagiert sich gegen Fremdenfeindlichkeit. „So die Superpolitische bin ich eigentlich gar nicht“, sagt sie. Aber gegen Rechtsextremismus müsse man eben kämpfen. „Vor allem gegen die Gewalt. Dagegen, daß Leute in unserer Stadt so behandelt werden. Wenn man nichts dagegen tut, dann wird es schlimmer, und dann kann es sich ausbreiten.“ Sie und ein paar Freunde haben sich zusammengetan, um etwas zu tun.

Jetzt organisieren sie den „Langen Tag der Jugend“: Aktionen, Spiele rund um Toleranz. Man soll etwas lernen können dabei. Das helfe vielleicht gegen die Rechtsextremen. Aber die richtige Strategie kenne sie auch nicht. Die Erwachsenen? Die seien noch hilfloser. „Irgendwie verstehen die nicht so richtig die Jugend allgemein. Sie nehmen auch nicht so ernst, was wir dazu sagen. Was die machen, ist mehr so für außen.“ Es sei auch schlimm, daß die Stelle der Stadt-Jugendpflegerin abgeschafft worden sei.

„Rufmord an einer Stadt“

Jürgen Scheigert sieht die Sache mit der Jugendpflegerin anders. Scheigert ist Stadtverordneter der „Allianz der Gemeinden/Bürgerbündnis“ und hat einen Leserbrief unter dem Titel „Rufmord an einer Stadt“ an die „Märkische Allgemeine Zeitung“ geschrieben. Dort heißt es, die wenigen Rechtsextremisten in Rheinsberg hätten sich doch erst „unter dem Wirken einer links orientierten Jugendpflegerin zu dem entwickelt, was sie heute sind“. Er kritisiert auch den „Langen Tag der Jugend“.

Mit „Befremden“ beobachte er, wie es die Neonazis dank „Protesten, Kundgebungen, Nun-erst-recht-Parolen und so weiter immer wieder schaffen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, die sie sich wünschen“. Es gebe doch überhaupt nur „höchstens vier aktiv gewaltbereite Jugendliche“ in Rheinsberg. Unter dem Leserbrief zitiert die Zeitung Zahlen des Landesamtes für Verfassungsschutz: Danach gibt es im Ort drei organisierte rechtsextreme Gruppen mit etwa 50 Mitgliedern. Sieben von ihnen seien als Gewalttäter bekannt.

Neue Dönerbude aus feuerfestem Material

Mit der Angst um die Touristengruppen wächst die Wut in Rheinsberg, und sie verdrängt die Tatsachen. Es sei eine Schande, was über die Stadt geschrieben werde, sagt ein anderer Rheinsberger in einem Gasthaus. Auch er will ungenannt bleiben. Schließlich arbeite er im Tourismus. Überhaupt sei da viel Lüge im Spiel bei diesem ganzen „Tamtam um die Rechten“. Der Türke mit der Dönerbude, für den sie Geld gesammelt haben, der habe doch davon feuerfeste Farbe kaufen sollen. Was habe der getan? „Nichts. Der will doch nur Spenden, Spenden und Publicity. Und nix tun müssen.“

Tatsächlich ist die neue Dönerbude aus feuerfestem Material. „Und können Sie mir mal sagen, warum da nur dem seine Bude angegriffen wurde und nicht die Asiaten?“ Tatsächlich wurden nicht nur im Asia-Markt die Scheiben zertrümmert, sondern auch im China-Restaurant „Große Mauer“. „Aber nicht beim Italiener!“ Tatsächlich wurde das italienische Restaurant am letzten März-Wochenende angegriffen. Was wirklich hinter dem „Tamtam“ stecke, will der Mann nicht sagen. Nur soviel: „Wenn sich hier nicht die Türken-Mafia und die Fidschis bekämpfen würden ...“

Abwertungserfahrungen in Rokoko-Kulisse

Die Ausländer, die in Rheinsberg leben, sind verstummt. „Nein, bitte nicht mehr fragen“, sagt einer von ihnen am Telefon. Die Berichte vertrieben nur die Touristen, und das gebe nur noch mehr Arbeitslose, und von der Arbeitslosigkeit komme doch der ganze Irrsinn. Soziologen fassen diese Analyse in den Fachbegriff „Abwertungserfahrungen“ - einer der wenigen gesicherten Faktoren, die Fremdenfeindlichkeit begünstigen.

Abwertungserfahrungen können sich auch vor einer Rokoko-Kulisse ereignen wie in Rheinsberg, wo in der DDR ein Atomkraftwerk und ein Ferienheim der Einheitsgewerkschaft FDGB Tausenden Arbeit gaben. Heute gibt es nur noch die schöne Geschichte von der Kulturlandschaft Preußen. Die Abwertung kann darum auch in der Stigmatisierung als „braunes Nest“ bestehen.

Mit Deutlichkeit und Ehrlichkeit gegen Haß

Im brandenburgischen Eberswalde entstand nach dem Mord an einem Afrikaner Anfang der neunziger Jahre ein Netz von Bürgern und Behörden, das unermüdlich gegen Rechtsextremismus demonstrierte und Chancen für die Jugend in ihrer Stadt organisierte. Dort gab es schon lange keine Übergriffe mehr. Es scheint, als gebe es in verschiedenen Städten Brandenburgs unterschiedliche Ansichten darüber, auf welcher Seite des Grats die Gefahr größer ist, und darüber, wo die wahren Probleme liegen.

Nadine Pape versteht das Dilemma ihrer Mitbürger. Aber im Zweifel helfe gegen Haß doch nur Deutlichkeit und Ehrlichkeit. „Die müssen sich hier mal weniger um den Tourismus kümmern und mehr um ihre Jugendlichen.“

Text: F.A.Z., 30.05.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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