Von Stephan Löwenstein, Berlin
27. Juni 2006 An diesem Dienstag wird die voraussichtlich letzte Fraktionssitzung der Grünen im Bundestag stattfinden, an der der Frankfurter Abgeordnete Fischer, Joseph (wie es im Amtlichen Handbuch heißt) teilnimmt. Die nächste reguläre Sitzungswoche des Bundestags wird erst wieder Anfang September sein. Da beginnt schon Fischers einjähriges Engagement als Dozent an der amerikanischen Universität Princeton, und das wird er, wie von seiner Seite bestätigt wird, zum Anlaß nehmen, sein Bundestagsmandat niederzulegen.
Die Fraktionsführung hat sich darauf vorbereiten können, der Vorsitzende Kuhn wird wohl eine kurze Rede halten, die andere Vorsitzende Künast ein Überraschungsgeschenk überreichen, dann endet ein Abschnitt, der 1983 Jahren begonnen hat, als Fischer zum ersten Mal in den Bundestag einzog.
Fischer tauschte Macht gegen Freiheit
Es ist nur der letzte Schritt seines Rückzugs aus der Politik. Fischer hat diesen Rückzug gleich nach der für Rot-Grün verlorenen Bundestagswahl im vergangenen Jahr angekündigt. Als Schröder, der abgewählte Bundeskanzler, sich noch an Ansprüchen festklammerte, gleich ob aus Uneinsichtigkeit oder aus taktischen Erwägungen, da teilte Fischer erst seiner Fraktion und dann der Öffentlichkeit mit, er tausche jetzt wieder Macht gegen Freiheit. Die konkrete Aussage galt seinem Verzicht auf ein Führungsamt in der Oppositionsfraktion, und mancher mochte da noch nicht glauben, daß die Katze das Mausen seinlassen werde.
Wollte er nicht einfach nur Schröder eins auswischen? Hielt er sich nicht Hintertürchen auf, falls es doch noch zu dieser oder jener Ampel reichen sollte? Würde er wieder in die Rolle des heimlichen Vorsitzenden zurückfallen, in der er die Grünen in den neunziger Jahren auf Regierungskurs getrimmt hatte? Solange Fischer das Bundestagsmandat innehatte, war ein Rest dieser Unsicherheit auch dem grünen Führungspersonal anzumerken, den einen mehr, den anderen weniger.
Die Fraktion wird nicht in Trauerstarre fallen
Zwar war er im vergangenen halben Jahr nur noch sporadisch da. Im Bundestag setzte er sich gelegentlich in die hintersten Reihen seiner Fraktion, um dort - wie einst Kohl nach seiner Abwahl - das kleine Geschehen dort unten zu betrachten. Doch wenn er einmal im Vordergrund in Erscheinung trat, dann zog er immer noch mehr Aufmerksamkeit auf sich als die gesamte doppelte Doppelspitze von Fraktion und Partei, und das mögen die Protagonisten schmerzlich oder auch säuerlich vermerkt haben.
Etwa auf der Fraktionsklausursitzung in Wörlitz im Januar: Als eigentlich die Strategie für die Oppositionsarbeit verbreitet werden sollte, dominierten den grünen Pressespiegel die Berichte über einen Wutausbruch des Patriarchen (er schalt die Presse wegen halbfalscher Berichte in vielen Zeitungen über sein künftiges amerikanisches Engagement). Und als die Fraktion ihre Haltung in Sachen BND-Untersuchungsausschuß festlegte, da erhob Fischer plötzlich seine Stimme gegen die Absichten der Vorsitzenden, was diese sofort ins Schlingern brachte. Es wird keine Trauerstarre die Fraktion befallen, wenn Fischer in Amerika ist.
1983 mit Glück in den Bundestag
Jetzt verläßt - das werden auch Fischers Gegner innerhalb wie außerhalb der Partei zugestehen - einer der prägnantesten Debattenredner der vergangenen zwanzig Jahre die Bühne. Mit etwas Glück gelangte er 1983 über die Landesliste Hessen in den Bundestag, als die Grünen erstmals die Fünf-Prozent-Hürde überwanden. Da gehörte er gerade einmal ein Jahr dieser neuen Partei an. Auch in den folgenden Jahren sollte sich bestätigen, daß er die Hebel und Mechanismen, sich durchzusetzen, anzuwenden verstand.
Mit sicherem Blick für die wichtige Position gelangte er gleich in das Amt des Parlamentarischen Geschäftsführers. Wie er die Position auffaßte, verdeutlicht eine Szene aus einem damaligen Film des Norddeutschen Rundfunks über die exotische neue Fraktion. Da trat Fischer vor laufender Kamera von hinten an einen der drei Fraktionsvorsitzenden heran, nämlich an Otto Schily, und hieb ihm mit einer Papierrolle flapsig auf den Kopf.
Parlamentarischer Schrecken der Regierenden
In der Tat machte Fischer im Bundestag zunächst mit Unflätigkeiten von sich reden, etwa wenn er den Bundestagspräsidenten als Arschloch beschimpfte oder die Abgeordnetenkollegen als Alkoholiker. Fischers von ihm selbst gern gepflegter Nimbus als parlamentarischer Schrecken der Regierenden rührt vor allem von den vier Jahren her, in denen er vor 1998 die Grünen-Fraktion im Bundestag führte. Da erschien er tatsächlich manchmal als der wahre Oppositionsführer.
Doch der Politiker Fischer war sowohl nach seiner Wirkung als auch in schlichter Betrachtung der Quantität mehr Regierungspolitiker denn Oppositionspolitiker, sei es in Hessen, sei es im Bund. Damit war es aber ohnehin vorbei, und Fischer mag sich darüber trotz seines beachtlichen, ja, mitreißenden Wahlkampfes seit Schröders und Münteferings Neuwahl-Entscheidung im Klaren gewesen sein. Vielleicht auch deshalb fällt ihm der Schnitt jetzt nicht mehr so schwer.
Literaturliste von Princeton umfaßt Fit und Schlank
Wer auf Grünen-Parteitagen beobachtet hat, wie dort pathetisches Freiheitsbekenntnis einhergeht mit sorgfältigstem Lochen und Abheften von Änderungsanträgen, wird zu dem (zugegeben klischeelastigen) Wort kommen können, die Grünen seien die deutscheste aller Parteien. In dieses Klischee paßt jedenfalls, daß die politische Biographie ihres markantesten Protagonisten sich als Bildungsgeschichte schreiben ließe: Der einstige Hausbesetzer ohne Abitur und mit abgebrochener Lehre, Adorno-Gasthörer und Steineschmeißer macht nun (wie sein Parteifreund Reinhard Bütikofer es formulierte) den Sprung in die Ivy-League.
Auf der Internet-Seite der Universität von Princeton findet sich ein kurzes curriculum vitae des neuen Dozenten, das von der Geburt 1948 bis zum Eintritt in die Partei der Grünen eine gnädige Lücke läßt. Als Fischers Hauptwerke werden aufgeführt: Der Ausstieg aus der Atomenergie ist machbar, 1988; Transformation of the Industrial Society, 1989; The Left After Socialism, 1992; For a New Social-Contract - A Political Answer to the Global Revolution, 1998; und schließlich: Fit und schlank. Mein langer Lauf zu mir selbst, 1999. Ob hier feiner Humor am Werk war oder bibliothekarische Gründlichkeit, wird schwer zu ermitteln sein.
Text: F.A.Z., 27.06.2006, Nr. 146 / Seite 4
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