23. Februar 2004 Gesprächen über das Kopftuch lausche sie mit Amüsement. Auf Fragen, warum sie eines trage, antworte sie nicht mehr, denn sie könne sagen, was sie wolle, es werde ihr einfach nicht zugehört; ebenso gut könnte auf ihrem Kopftuch stehen: "Ich bin blöd". Das sagt das junge Mädchen ganz freundlich und ruhig.
Sie hat gerade gehört, wie eine fünfzigjährige Sozialarbeiterin in forschem Ton verkündete: "Kopftuch ist Männersache, es ist ein Diktat des Mannes"; sie wünsche, daß Mädchen das Bewußtsein abstreiften, das sie zum Kopftuchtragen bewege, und das Kopftuch ablegten. Zwanzig Leute sind der Einladung zu einem "runden Tisch" über die Themen Kopftuch und Integration gefolgt. Die Diskussion wird fürs Radio aufgezeichnet, sie verläuft äußerlich ruhig und gesittet. Nur zwei junge Frauen tragen Kopftuch.
Aus freiem Willen
Eine Abiturientin erzählt, wie sie zur Kopftuchträgerin wurde. Ihre Mutter sei zum Isalm konvertiert, während der Pubertät habe sie sich für deren Religion zu interessieren begonnen und sie schließlich angenommen. Sie studiere den Koran und trage das Kopftuch aus freiem Willen. Seither werde sie in der Öffentlichkeit respektvoller behandelt, nicht mehr als "Sex-Objekt". Sie trage es nicht, um religiös oder politisch zu demonstrieren, sondern aus einer persönlichen Entscheidung heraus. Im übrigen gelte der islamische Grundsatz: "Es gibt keinen Zwang im Glauben".
Die freundliche Auskunftsbereitschaft der Abiturientin hält im "Integrationzentrum" im Berliner Stadtteil Tiergarten einen Kurden keineswegs davon ab, ihr umstandslos den Umzug nach Saudi-Arabien zu empfehlen. Eine ältere Dame erzählt von einem Fernsehbeitrag über Algerien: Solche Verhältnisse wolle sie nicht, sie hätte - während des Nationalsozialismus - hier schon "Ähnliches erlebt". Eine Dame sagt, man lebe in einer gewalttätigen Kultur, und darüber müsse geredet werden, und ein Herr, man könne nicht immer erst über den dreißigjährigen Krieg und das Dritte Reich sprechen. Ein Mann erregt sich darüber, daß sich türkische Einwanderer in Deutschland "re-islamisieren", eine Frau über Modeschauen mit kopftuchtragenden Modellen. Ein Radio-Mitarbeiter verlangt von der Abiturientin zu wissen, ob sie den Koran gelesen habe, er habe gehört, daß er für Laien unverständlich sei, und warum sie sich schminke?
Ignoranz und Unterstellungen
Wenn die zweistündige Diskussion im "Integrationszentrum" typisch für die Kopftuchdebatte ist, so begreift man, warum sich Kopftuchträgerinnen ungern und selten daran beteiligen. Denn selbst im Multikulti-Milieu, wo Toleranzbeteuerungen jede Meinungsäußerung garnieren, sind Gespräche über das Kopftuch stärker von Ignoranz und Unterstellungen als von Neugier und Verständnis gesprägt. Die Berliner Türken haben offenkundig in der Kopftuchfrage ihre hergebrachte kemalistische Position bei deutschen Politikern durchgesetzt. Selbst die PDS, die entschieden gegen ein Kopftuch-Verbot im öffentlichen Dienst war, hat ihren Widerstand aufgegeben und will es darüber nicht zum Koalitionsstreit kommen lassen.
Barbara John, die langjährige Berliner Ausländerbeauftragte, sah den Mangel in der öffentlichen Auseinandersetzung. Sie bat vier kopftuchtragende Frauen, über ihre Motive zu sprechen. Das Angebot, in einem ehemaligen Ballhaus in Wedding aus erster Hand zu hören, warum Frauen ihren Kopf bedecken, nahmen nur wenige an. Dabei gehört die Kopftuch-Debatte zu den raren Gelegenheiten, bei denen die Integrationsbereitschaft der Mehrheitsgesellschaft und die der islamischen Minderheit praktisch werden und daher ein gemeinsames Gespräch über Symbole, Loyalitäten, Angst und Grundwerte nötig wird. "Die aktuelle gesellschaftliche Debatte über das Kopftuch wird in weiten Teilen sehr unsachlich und undifferenziert geführt. Von verschiedenen Seiten wird die Definitionsmacht über das Kopftuch beansprucht und dessen angebliche ,objektive' Bedeutung festgelegt", schrieben die befragten Frauen.
Keinen Zwang im Glauben"
Wie die türkische Politikwissenschaftlerin Dr. Emel Topcu haben Sandra Abed, Silvia Horsch und die Lehrerin Sigrid Klaus-Salana studiert und sind fromme Muslima. Das Kopftuch tragen sie nicht als Signal, sondern weil sie es für ihre religiöse Pflicht halten. Sie verteidigen es als "Teil ihrer Identität und als Schutz ihrer Privatsphäre". Wie die Abiturientin zitieren sie den Grundsatz: "Keinen Zwang im Glauben". Ausgerechnet diejenigen, die "überall auf der Welt die muslimischen Frauen von den Mullahs befreien wollen", drohten ihnen hier mit Pressionen, falls sie das Kopftuch nicht ablegten. Es sei bitter, daß "sogenannte Frauenrechtlerinnen uns derartig angreifen", sagt Frau Klaus-Salana, und "unwürdig", Menschen zum Anlegen - oder Ablegen - eines Kleidungsstücks zu zwingen.
Frauen gehe es "an die Existenz", sie habe von einer Ärztin, einer Krankenschwester, einer Rechtsanwaltsgehilfin, ja sogar schon von Putzfrauen gehört, die wegen ihres Kopftuchs ihre Stellen verloren hätten, berichtet Frau Topcu-Brestrich, dabei sei sie nach Deutschland gezogen, um in einem "freien Land" zu leben. Silvia Horsch, die Arabistik an der Freien Universität studierte, hatte an der Universität keine Probleme wegen ihres Kopftuchs, doch nun habe sie Schwierigkeiten, als Deutschlehrerin für Ausländer zu arbeiten. Sie werde oft "von oben herab", als "kleines Dummchen" behandelt. "Ausgerechnet gut integrierte Frauen werden aus dem öffentlichen Leben zurückgedrängt", sagt Barbara John über die Bestrebungen, in den Berufen des öffentlichen Dienstes, in denen die Bedienstete "den Staat" repräsentiert, das Tragen des Kopftuchs zu verbieten. Unmittelbar nach der Urteilsverkündung des Bundesverfassungsgerichts im Herbst vergangenen Jahres hatten die Berliner Senatoren Körting und Böger (beide SPD), unterstützt von der CDU, ein Berliner Landesgesetz zum Kopftuch angekündigt.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Februar 2004
Bildmaterial: dpa/dpaweb