15 Jahre nach dem Mauerfall

9. November: „Tag der Freude und der Scham“

09. November 2004 15 Jahre nach dem Fall der Mauer haben zahlreiche Politiker am Dienstag an das historische Ereignis erinnert.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) würdigte den Jahrestag als Zustand „des historischen Glücks“. Der 9. November 1989 sei für ihn das welthistorisch bedeutende Datum, noch vor dem 11. September 2001, dem Tag der Terroranschläge auf Amerika. An jenem 9. November sei sichtbar geworden, daß die Zweiteilung der Welt beendet war.

„Tag der Freude - Tag der Scham“

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nannte den 9. November einen „Tag der Freude“, aber auch „der Scham und des Nachdenkens“ - wegen der Reichspogromnacht am 9. November 1938, als viele Synagogen in Deutschland von Nazis angesteckt wurden.

Damals habe „der Weg in einen Abgrund an Unmenschlichkeit“ begonnen. „Daher wird dieser Tag eine stetige Mahnung sein, Rassismus und Antisemitismus schon in den Anfängen zu wehren“, erklärte Schröder am Montag in Berlin. Der 9. November 1989 sei dagegen „ein Tag des Triumphes von Freiheit und Demokratie“ gewesen. „Vor 15 Jahren haben die Menschen in der DDR die Mauer eingedrückt und eine menschenverachtende Diktatur überwunden.“

Zahlreiche Gedenkveranstaltungen

Bundespräsident Horst Köhler besucht an diesem 9. November zwei Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt. In Berlin wollen Altkanzler Helmut Kohl (CDU) und DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley vor Publikum über die Wiedervereinigung sprechen.

Dazu wird auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel erwartet. Mit Diskussionsrunden, Andachten und Konzerten erinnern sich die Deutschen am Dienstag an den Fall der Mauer vor 15 Jahren.

Der heimliche Nationalfeiertag

Der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) wies vor allem auf die Verdienste der Ostdeutschen beim Fall der Mauer hin. „Die Mauer wurde vom Osten her zum Einsturz gebracht“, sagte Genscher. Statt der Politiker seien „die wirklich Handelnden“ die Bürger in der DDR, in der Tschechoslowakei, in Polen sowie den anderen Ländern des sowjetischen Machtbereichs gewesen.

Vom Gefühl der Menschen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sei bis heute etwas übrig geblieben, betonte er. „Das Gefühl ist viel tiefer als manche es wahrhaben wollen. Darunter auch solche, die der Vereinigung eher zurückhaltend gegenüberstanden und -stehen.“

Genscher lobt Beibehaltung des 3. Oktobers

Der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maiziere, betonte, im Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen sei inzwischen Realität eingekehrt. Er glaube, daß man die Leute heute danach beurteile, „was sie leisten“ und nicht, woher sie kommen.

Genscher lobte zugleich die Beibehaltung des 3. Oktobers als arbeitsfreien Feiertag. „Jede andere Regelung wäre eine historische Fehlentscheidung und ließe wenig Achtung vor der friedlichen Freiheitsrevolution des Jahres 1989“, sagte er.

Ringstorff: DDR nicht in schönen Farben malen

Der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Harald Ringstorff (SPD), warnte anläßlich des 9. Novembers davor, die DDR in schönen Farben zu malen. Ringstorff äußerte sich entsetzt darüber, daß in Umfragen bis zu 20 Prozent der Menschen für die Wiedererrichtung der Mauer seien.

Man müsse den Menschen immer wieder vor Augen führen, daß das DDR-System völlig marode gewesen sei, sagte er. Scheinbar erinnerten sich die Menschen sehr selektiv und sähen nur die schönen Erinnerungen an die DDR.

Meinungen in Ost und West gleichen sich an

Unterdessen ergab eine Umfrage des Bielefelder Meinungsforschungsinstituts Emnid, daß 15 Jahre nach dem Fall der Mauer die Menschen in Ost und West in vielen Fragen weitgehend gleich denken.

Danach glaubt praktisch jeder Zweite (52 Prozent im Westen, 47 Prozent im Osten), daß die 40-Stunden-Woche Arbeitsplätze sichert. Jeweils 45 Prozent sind dafür, den Reformprozeß fortzusetzen. Steuersenkungen befürworteten jeweils Dreiviertel (West: 75 Prozent, Ost: 73 Prozent) der Befragten.

Birthler: Ostdeutsche können stolz auf Befreiung von SED sein

Die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, hat die Menschen in Ostdeutschland dazu ermuntert, mehr Stolz und Freude über die Befreiung von der SED-Herrschaft zu entwickeln. Der 9. November 1989 erinnere daran, daß die Menschen in der DDR mit der demokratischen Revolution selber die Voraussetzungen für den Fall der Mauer geschaffen haben.

Zur Maueröffnung hätten sowohl die Menschen, die zu Tausenden auf den Straßen demonstrierten, als auch jene beigetragen, die zu Tausenden in den Westen flüchteten. Die Ausreisebewegung sei ebenso wirksamer Widerstand gegen das SED-Regime gewesen wie das Handeln der Oppositionellen im Land, die dies fälschlicherweise auch nach dem Mauerfall nicht anerkennen wollten. Die Massenflucht über die ungarische Grenze sowie die Besetzung der Botschaften in Warschau und Prag hätten einen wichtigen Anteil am Zusammenbruch des SED-Regimes gehabt, unterstrich die Bundesbeauftragte.

Debatte um Mauer-Gedenkstätten

Mehrere Politiker sprachen sich anläßlich des Jahrestages des Mauerfalls dagegen aus, weitere Denkmäler für die Opfer der deutschen Teilung zu errichten. Dies halte sie nicht für sinnvoll, sagte Weiss am Dienstag beim Besuch der Mauer-Gedenkstätte in der Bernauer Straße in Berlin. Sie forderte vielmehr eine offene Debatte über die Geschichte der Mauer, damit sie in Erinnerung bleibe. Ein gutes Wissen über den 9. November 1989 sei besser als Sentimentalität.

„Kein Disneyland, bitte“

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, hat sich ebenfalls gegen den Aufbau weiterer Mauer-Gedenkstätten ausgesprochen. „Kein Disneyland, bitte“, sagte Göring-Eckardt am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin. Das Gedenken an die Teilung Deutschlands solle besser auf andere Weise geschehen: „Ich erinnere mich bei jedem Gang durch das Brandenburger Tor.“

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse regte hingegen an, den früheren Verlauf der Berliner Mauer mit einer roten Linie zu kennzeichnen. Mit einer deutlichen roten Linie sollte folgenden Generationen in Erinnerung bleiben, daß die Mauer die Stadt Berlin tatsächlich ganz geteilt habe, sagte Thierse der Zeitschrift „Super Illu“.



Text: FAZ.NET mit Material von dpa/AP
Bildmaterial: dpa, dpa/dpaweb, F.A.Z.-Barbara Klemm, F.A.Z.-Barbara Klemm , F.A.Z.-Greser&Lenz, F.A.Z.-Krizanovi , F.A.Z.-Matthias Lüdecke

 

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