Brigitte Mohnhaupt

Baaders Bevollmächtigte

Von Thomas Holl

11. Februar 2007 Brigitte Mohnhaupt war die „Generalbevollmächtigte“ des in Stammheim einsitzenden RAF-Gründers Andreas Baader. In einer im Jargon der RAF-Kassiber „Big Raushole“ genannten Terroroperation sollte die damals 27 Jahre alte Mohnhaupt, die gerade aus der Haft entlassen worden war, im Frühjahr und Sommer 1977 versprengte „Illegale“ und neue Sympathisanten der „Roten Armee Fraktion“ um sich sammeln und im Untergrund für den „bewaffneten Kampf“ gegen das „Schweinesystem“ schlagkräftige „Kommandos“ formieren.

Den Weg in den Terror hatte die am 24. Juni 1949 in Rheinberg geborene Mohnhaupt über die Studentenbewegung in München gefunden, wo sie sich zunehmend politisch radikalisierte. Nach der Scheidung ihrer Eltern hatte sie zunächst noch bei ihrer Mutter gelebt und 1967 ihr Studium an der Philosophischen Fakultät in München aufgenommen. Dort lernte sie ihren späteren Mann Rolf Heißler kennen, der ebenfalls Mitglied der RAF wurde. Im Laufe des Jahres 1971 schloss sie sich der RAF an und ging erstmals in den Untergrund, wo sie für Logistik und die Beschaffung von Waffen zuständig war.

„Eine Art Befehlsgewalt“

Am 8. Februar 1977 wird Brigitte Mohnhaupt nach mehr als vier Jahren Haft aus der Justizvollzugsanstalt in Brühl entlassen, wo sie wegen „Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung“ und anderer Delikte einsaß. Von der Stuttgarter Kanzlei des RAF-Anwaltes Klaus Croissant aus steuert sie nun im Auftrag Baaders tatkräftig und willensstark die Reorganisation der „Roten Armee Fraktion“. Der von ihren Fähigkeiten beeindruckte Baader hatte Croissant und andere Unterstützer in einem aus seiner Zelle geschmuggelten Kassiber mitgeteilt, „dass die Mohnhaupt jetzt 'ne Art Befehlsgewalt hat“.

Schon bei den Vernehmungen nach ihrer ersten Verhaftung als Mitglied der RAF am 9. Juni 1972 in West-Berlin hatte die zierliche, frühere Journalistikstudentin mit den langen blonden Haaren ihren Hass auf das Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland und deren Repräsentanten zu Protokoll gegeben: „Für das Verhältnis zwischen uns, dem Gericht, der Justiz und der Bundesanwaltschaft ist der genaue Begriff Krieg.“ Die RAF sei eine „politisch-militärische Organisation“, die Bundesrepublik eine „US-Kolonie“.

In der fünf Jahre nach diesen Sätzen folgenden „Operation 77“ sollte der deutsche Rechtsstaat von Mohnhaupts Terror-Kommandos mit Attentaten und Entführungen zur Freilassung der Führungsriege der ersten RAF-Generation um Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe gezwungen werden.

Buback, Ponto, Schleyer

Als erstes prominentes Mordopfer wählen Mohnhaupt und ihre Gesinnungsgenossen als „obersten RAF-Verfolger“ Generalbundesanwalt Siegfried Buback aus. Am 7. April 1977 werden Buback und seine beiden Begleiter in Karlsruhe auf dem Weg ins Büro erschossen. Als Bubacks Dienstwagen an einer Ampel steht, hält daneben ein Motorrad mit zwei Männern. Der Sozius eröffnet aus einem Kurzgewehr das Feuer und gibt mindestens fünfzehn Schüsse ab. Drei Männer führen den dreifachen Mord aus, einer davon ist Mohnhaupts engster Kampfgefährte Christian Klar.

Ihn nimmt Brigitte Mohnhaupt auch mit bei dem missglückten Versuch, Jürgen Ponto zu entführen, den Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank. Als Ponto sich am Abend des 30. Juli 1977 in seiner Villa nahe Kassel gegen seine Entführer wehrt, wird er vor den Augen seiner Frau von Klar und Mohnhaupt erschossen. Allein Brigitte Mohnhaupt schießt fünfmal auf Ponto. Auch an der blutigen Entführung und späteren Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer ist sie führend beteiligt.

Als die von SPD-Kanzler Helmut Schmidt geführte Bundesregierung nach der Entführung Schleyers und der Ermordung der ihn begleitenden Polizeibeamten am 5. September 1977 nicht auf die Forderung der Terroristen nach Freilassung der „Stammheimer“ eingeht, erhöht Brigitte Mohnhaupt den Druck. Sie beauftragt eine radikale palästinensische Splittergruppe mit der Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“. Das Flugzeug mit 86 überwiegend deutschen Touristen an Bord wird am 13. Oktober 1977 auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt gekapert.

Flucht nach Bagdad

Fünf Tage später befreit die Anti-Terror-Einheit GSG 9 in Mogadischu die Geiseln. Noch in derselben Nacht nehmen sich Baader, Ensslin und Raspe in Stammheim das Leben. Wenige Stunden später erschießen RAF-Terroristen Schleyer, dessen Leiche am 19. Oktober 1977 nahe Mühlheim im Elsass im Kofferraum eines Mercedes gefunden wird. Tatort und Täter sind bis heute nicht bekannt.

Nach dem Ende der Schleyer-Entführung fliehen Brigitte Mohnhaupt und andere RAF-Komplizen zunächst nach Bagdad, später taucht sie in Paris unter. Von dort aus plant Mohnhaupt weitere Anschläge, so das gescheiterte Attentat auf den amerikanischen General Kroesen in Heidelberg am 15. September 1981.

„Sie ist keinesfalls eine Hardlinerin“

Am 11. November 1982 ist Brigitte Mohnhaupts Flucht zu Ende. Nahe einem von der RAF angelegten Erddepot mit Waffen und Geld im hessischen Heusenstamm wird sie verhaftet. Bei ihrer Festnahme hat sie eine Maschinenpistole dabei. Unter ihrer Führung mordeten und „kämpften“ 37 Mitglieder der RAF, fünf von ihnen starben in den fünf Jahren der „Ära Mohnhaupt“.

Das Oberlandesgericht Stuttgart, das nun auch über ihre vorzeitige Haftentlassung entschied, verurteilte sie und Klar 1985 wegen der Taten im Terrorjahr 1977 zu fünfmal lebenslänglich plus 15 Jahren Haft. Vor Gericht machte sie keine Aussagen zur Tataufklärung; eine Distanzierung von ihren Taten oder gar Reue zeigte sie weder in diesem Prozess noch in anderen Verhandlungen gegen RAF-Angeklagte.

Ihre Haftstrafe verbüßt Brigitte Mohnhaupt seit 24 Jahren in der Justizvollzugsanstalt im bayerischen Aichach. Dort besuchten sie Ende Januar drei Richter des Oberlandesgerichtes Stuttgart, um sich selbst ein Bild zu machen, ob Brigitte Mohnhaupt keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit darstellt. Der Aichacher Gefängnisleiter Deuschl urteilte über sie: „Sie ist keinesfalls eine Hardlinerin und vertritt auch schon längst nicht mehr ihre früheren Überzeugungen.“



Text: F.A.Z., 12.02.2007, Nr. 36 / Seite 3
Bildmaterial: AP

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche