21. April 2006 Die SPD und der Zentralrat der Muslime haben Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) vorgeworfen, mit dem von ihr initiierten Bündnis für Erziehung weite Teile der Gesellschaft auszugrenzen. Ziel des Bündnisses müsse es sein, Eltern in der Erziehungsarbeit zu unterstützen und grundlegende Werte wie Respekt oder Achtung der Menschenwürde in alle gesellschaftlichen Gruppen zu tragen und nicht nur in solche mit christlichen Werten, sagte die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende und Familienexpertin Nicolette Kressl am Freitag im Deutschlandfunk. Deshalb müsse das Bündnis sehr schnell auf breitere Beine gestellt werden.
Der Zentralrat der Muslime in Deutschland bezeichnete es als Affront, daß die Ministerin nur die christlichen Kirchen zu dem Bündnis eingeladen habe. Hier werden alle Nicht-Christen ausgegrenzt, sagte der Vorsitzende des Zentralrats, Axel Ayyub Köhler. Die CDU-Politikerin habe nicht bedacht, daß in Ballungsgebieten längst die Nicht-Christen in Kindergärten und Schulen in der Überzahl seien.
Religiöse Werte sind nicht auf die katholische und evangelische Kirche beschränkt, sagte die familienpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Christel Humme. Mit Blick auf die laufende Integrationsdebatte warnte sie davor, andere Religionsgemeinschaften auszugrenzen: Das können wir uns zurzeit nicht erlauben.
Den Osten vergessen?
Von der Leyen hatte am Vortag bei der Vorstellung des Bündnisses mit der evangelischen und katholischen Kirche in Berlin gesagt, die neue Initiative solle im Herbst um andere Religionsgemeinschaften, die Wirtschaft und Wohlfahrtsverbände erweitert werden. Das Bündnis soll Kindern und Eltern grundlegende gesellschaftliche Werte vermitteln.
Auch die Viezepräsidentin des Bundestages, Petra Pau, kritisiert das Bündnis für Erziehung als zu eng gefaßt. In der gegenwärtigen Zusammensetzung grenze das Bündnis eher aus als zu integrieren, sagte Pau der Chemnitzer Freien Presse. Das gelte vor allem für Ostdeutschland, wo die Bindung an die Kirchen weit weniger verbreitet sei als in den alten Ländern. Pau sagte, die Kirchen dürften nicht die einzigen Partner in dem Bündnis sein. Wenn die Bundesregierung möglichst viele Menschen erreichen wolle, muß sie sich noch andere Botschafter suchen.
Wohlfahrtsverbände ausgeschlossen?
Der ostdeutsche Wohlfahrtsverband Volkssolidarität hat von der Leyens angestrebte christliche Wertefundierung bei der Erziehung zurückgewiesen. Den Menschen in den neuen Ländern, die zu zwei Dritteln nicht religiös gebunden sind, sollte nicht das Gefühl vermittelt werden, daß sie im Bereich der Werte auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe stünden, sagte Präsident Gunnar Winkler am Freitag in Berlin. Die Volkssolidarität werde die Aufgabe der Werteerziehung in ihren 360 Kindertagesstätten auch weiterhin ohne Religion gut lösen.
Die Vorsitzende des Familienausschusses im Bundestag, Kerstin Griese (SPD), unterstützte von der Leyens Forderung nach mehr wertegebundener Erziehung. Es wäre diesem Ziel aber mehr gedient, wenn das Bündnis in größerer Breite geschmiedet worden wäre, sagte Griese. Sie vermisse in dem Zusammenschluß Wohlfahrtsverbände wie die Arbeiterwohlfahrt. Diese unterhielten Kindertagesstätten gerade auch in sozialen Brennpunkten, ihre Beteiligung wäre deshalb von Beginn an sinnvoll gewesen.
Text: FAZ.NET mit Reuters/dpa/ddp
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